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Interdisziplinäres Gender-Kolloquium Rostock

Die AG Gender-Forschung der Universität Rostock lädt alle zwei Jahre zu einem Interdisziplinären Gender-Kolloquium in die Hansestadt Rostock ein. Dieses Jahr fand es zum vierten Mal vom 21. bis 23. November im Max-Planck-Institut für demografische Forschung statt, diesmal unter dem Thema „Migration – Geschlecht – Lebenswege“.

Das Interview mit Christine Voigt von der Arbeitsgruppe Gender-Forschung führte unsere Mitarbeiterin Sarah Seip.

Bitte stellen Sie uns doch kurz die Gender-Forschung vor:

Im Jahr 2007 gründeten WissenschaftlerInnen verschiedener Fachrichtungen der Universität Rostock die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Gender-Forschung. Zurzeit gibt es insgesamt acht Mitglieder (und eine wissenschaftliche Hilfskraft) in der Arbeitsgruppe, wobei zwei Wissenschaftlerinnen erst seit November 2013 dabei sind.

Alle Mitglieder arbeiten in der Gruppe ehrenamtlich, erledigen anfallende Aufgaben also neben ihren sonstigen beruflichen Tätigkeiten.

Die WissenschaftlerInnen sind in den Sozial- und Geisteswissenschaften angesiedelt. Sie alle interessieren bzw. beschäftigen sich innerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit mit dem Thema Geschlecht/Geschlechterforschung.

Wie kam die AG Gender-Forschung an der Universität Rostock zustande? In welchen Bereichen bzw. an welchen Themen wird zurzeit geforscht?

Die AG Gender-Forschung haben es sich zur Aufgabe gemacht, ForscherInnen der Universität Rostock, die sich mit Aspekten von „Gender“ beschäftigen, zusammenzuführen und auf diesem Wege den fakultäts- und universitätsübergreifenden wissenschaftlichen Austausch zur Genderthematik zu fördern. Um dieses Thema im wissenschaftlichen Leben der Universität dauerhaft zu verankern und die Vernetzung interessierter WissenschaftlerInnen weiter voranzutreiben, organisieren die Mitglieder der Arbeitsgruppe interdisziplinäre Kolloquien zur Gender-Forschung und veröffentlichen die Ergebnisse jeweils in einem Tagungsband.

Neben der Förderung des nationalen und internationalen Austausches auf dem Gebiet sollen die Tagungen auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs als Plattform dienen. So möchte die Arbeitsgruppe Gender-Forschung insbesondere DoktorandInnen ermutigen, ihre Forschungsergebnisse vorzustellen und zu debattieren.

Zurzeit forscht jedes Mitglied auf seinem eigenen Fachgebiet zum Thema „Gender“, aber unser nächstes Ziel ist ein gemeinsames Forschungsprojekt innerhalb der Arbeitsgruppe.

Beschreiben Sie bitte kurz, wie das Thema des diesjährigen Gender-Kolloquiums ausgewählt wurde und was die BesucherInnen erwarten konnten:

Die Arbeitsgruppe Gender-Forschung reagierte mit dem gewählten Thema auf den Umstand, dass in der heutigen Zeit Globalisierungsprozesse in allen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen weltweit zunehmend von Migrationsbewegungen begleitet werden, und wollte diese aus der Perspektive der Geschlechterforschung genauer untersuchen.
In Deutschland wie in anderen Ländern wächst der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund bei unterschiedlicher Motivation für Aus- bzw. Einwanderung. Soziale Multikulturalität, der lebensweltliche Kontakt von historisch geprägten kulturellen Verschiedenheiten und unterschiedliche Vorstellungen von Integration fordern die Menschen individuell und die Gesellschaft als Ganzes heraus.
Von besonderem Forschungsinteresse war dabei für uns die Frage, in wieweit durch Migration geprägte individuelle Lebenswege geschlechterspezifische Differenzierungen erkennen lassen.

Unseren Call for Papers hatten wir bewusst sehr breit gefasst, um Vortragende aus möglichst vielen Bereichen zu gewinnen. WissenschaftlerInnen aller Fachdisziplinen waren eingeladen, aus historischer, zeitgenössischer und kulturvergleichender Perspektive nach den wechselseitigen Bedingtheiten von Migration, Geschlecht und Lebenswegen zu fragen. Dabei waren Betrachtungen auf nationaler wie internationaler Ebene denkbar.
Dass das Thema sehr aktuell ist und ein großes Bedürfnis nach wissenschaftlichem Austausch besteht, spiegelte sich bereits in der außergewöhnlichen Resonanz auf unseren Call for Papers wider, die sich in der für uns bisher höchsten Zahl eingesandter Exposés zeigte.
Die BesucherInnen erwarteten dann auch spannende Beiträge von ReferentInnen diverser Fachrichtungen und von Forschungseinrichtungen aus ganz Deutschland sowie Universitäten in Schweden, Österreich, Russland und den USA, die beispielsweise analysierten, wie MigrantInnen in der Kunst und den verschiedensten Medien repräsentiert werden bzw. ihre Erfahrungen selbst darstellen. Anhand spezieller Fallstudien wurden weiterhin geschlechterspezifische Motivationen von Migration untersucht, und es wurde dargestellt, wie die neuen Lebensbedingungen im Gastland persönliche Entwicklungen, Wahrnehmungen und Entscheidungen beeinflussen können.

Wie viele ReferentInnen waren da? Gab es einen Beitrag, der Ihnen sehr am Herzen lag?

Es nahmen insgesamt 20 ReferentInnen an dem Gender-Kolloquium teil. In Ergänzung zum regulären Tagungsprogramm fand außerdem noch eine Fokusgruppendiskussion zum Thema „Forschung, Migration und Geschlecht“ statt. Interessierte konnten über ihre migrationspolitischen Ziele und Ansprüche in der Gender-Forschung diskutieren. Die Diskussion wurde von einer Doktorandin der HU Berlin geleitet, die die Ergebnisse in ihre Dissertation aufnehmen wird.
Wir haben uns sehr gefreut, als Keynote Speaker Prof. Helma Lutz von der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Dr. Can Aybek von der Universität Luxemburg zu gewinnen. Beide sind hochkarätige ExpertInnen auf dem Gebiet der Geschlechterforschung im Kontext von Migration und Globalisierung.
Besonders begeistert waren wir auch über die hohe internationale Beteiligung. Unter anderem reiste Prof. Marjanne E. Goozé von der University of Georgia at Athens, USA, an. Sie nahm bereits zum zweiten Mal als Referentin an unserem Kolloquium teil.
Dann war es sehr schön, auch so viel wissenschaftlichen Nachwuchs zu erleben, der sich mit dem Thema „Gender“ befasst. Das zeigte uns, dass es auch in Zukunft noch viel dazu zu entdecken gibt.

Wurde die Anzahl der erwarteten TeilnehmerInnen erreicht, vielleicht sogar übertroffen? Wie war die Resonanz?

Für das Kolloquium 2013 hatten wir keinen Tagungsbeitrag erhoben, um möglichst viele Zuhörerinnen und Zuhörer sowohl aus dem akademischen Bereich, insbesondere Studierende, als auch aus der interessierten Öffentlichkeit zu erreichen.
Besonders haben wir uns über die studentischen ZuhörerInnen gefreut und all jene, die von außerhalb für unser Kolloquium angereist sind (sogar aus dem Saarland).
Ansonsten war die Resonanz leider etwas geringer als erwartet, weil der November ein ausgesprochener „Konferenzmonat“ ist und viele interessierte WissenschaftlerInnen und Gleichstellungsbeauftragte aufgrund anderer Verpflichtungen absagen mussten.

Wie sieht die Zukunft der Gender-Forschung an der Universität Rostock aus?

Idealerweise sollten sich noch mehr Gender-ForscherInnen an der Universität Rostock finden, die sich auch untereinander besser vernetzen, z.B. über unsere Arbeitsgruppe. Denn häufig erleben wir immer noch die Situation, dass WissenschaftlerInnen in „ihrem stillen Kämmerlein“ über Gender-Themen forschen, aber sich nicht genügend untereinander austauschen. Außerdem sind noch dringend mehr NaturwissenschaftlerInnen und MedizinerInnen gefragt, die sich mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen.
Wir wünschen uns weiterhin, dass sich auch mehr Studierende für die Geschlechterforschung begeistern und wir dann auch über die Ressourcen verfügen, mehr Lehrveranstaltungen dazu anbieten zu können.
Für die Arbeitsgruppe wird in der unmittelbaren Zukunft die Veröffentlichung des nächsten Tagungsbandes liegen. Viele unserer ReferentInnen haben bereits Interesse an einer Publikation bekundet und die erste Version der Artikel wird dann von den AutorInnen in der Mitte des nächsten Jahres eingereicht werden. Dann startet der Begutachtungsprozess durch die AG-Mitglieder. Und danach werden wir uns schon das Thema für das nächste Kolloquium überlegen und wieder einmal nach Finanzierungsmöglichkeiten suchen. Es gibt also genug zu tun.

Gibt es noch etwas, was Ihnen auf dem Herzen liegt, was Sie unseren LeserInnen mitteilen möchten?

Wir möchten alle Interessierten motivieren, sich mit dem spannenden Thema „Gender“ zu beschäftigen und sich auch durch die leider sehr weit verbreiteten Hindernisse, wie z.B. mangelnde Finanzierung oder noch nicht existierende Arbeits- und Forschungsbereiche an ihrer Institution bzw. an ihrem Wohnort, nicht entmutigen zu lassen. Das Thema bietet noch genug Forschungsperspektiven und häufig sind es zuerst einige wenige Engagierte, die etwas in Gang bringen, von dem später viele profitieren können.