Hashtag

#idpet? Gegenpetition(en)? Bildungsplan? Was ist los?

Ich* muss zugeben, der Hashtag #idpet ist mir in den letzten Wochen sehr oft begegnet und – Asche auf mein Haupt – ich bin dem nicht wirklich nachgegangen. Ein Versäumnis, denn die Affäre nimmt mittlerweile beunruhigende Ausmaße an.

Der Hintergrund

Aber lasst uns erst mal einige Schritte zurück gehen, denn vielleicht wissen nicht alle, worum es hier geht: Das Land Baden-Württemberg hat eine Reform seines Bildungsplans für 2015 erarbeitet. Der Grund, wieso dies nun überhaupt so kontrovers und auch geographisch übergreifend diskutiert wird, und eben nicht nur von baden-württembergischen Pädagog*innen, Eltern etc., ist die sogenannte “Verankerung der Leitprinzipien”, die dieser Bildungsplan vorsieht. Dabei sollen fünf Leitprinzipien (Berufliche Orientierung, Medienbildung, Verbraucherbildung, Prävention und Gesundheitsförderung, Verbraucherbildung) übergreifend in verschiedenen Schulfächern behandelt werden. Der Bildungsplan sieht nun auch die “Kompetenzen und Inhalte” der einzelnen Leitprinzipien vor, und hier liegt nun das Problem der Gegner: Die einzelnen Leitprinzipien sollen “zusätzlich unter dem Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt” vermittelt werden.

Das Ziel dieser Reform: “Die Kinder und Jugendlichen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Wertvorstellungen und Haltungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln, Probleme und Konflikte friedlich zu lösen bzw. auszuhalten, aber auch Empathie für andere entwickeln zu können und sich selbst bezüglich des eigenen Denkens und Fühlens zu artikulieren und – wenn nötig – auch zu relativieren. Das macht es auch erforderlich, die Perspektiven anderer Personen und Kulturen übernehmen zu können, Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen wahrzunehmen und sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können.”

Die Gegner

Darin liegt nun der Stein des Anstoßes für die reaktionäre Front, die in ihrer Petition mit dem klingenden Namen “Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens” argumentiert, die Pläne der Reform würde über ihr Ziel hinausschießen, und spricht von einer “pädagogische[n], moralische[n] und ideologische[n] Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen.” Die Argumentation soll hier nicht analysiert werden, aber einige der Begründungen sollen als Beispiel genannt werden, um die Kritik an dieser Petition zu verstehen. So ist dort die Rede davon, der Reform fehle “komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern […]” Weiter heißt es u.a., “Lehrkräfte sollen die nächste Generation mit dem Anspruch, sämtliche LSBTTIQ-Lebensstile seien ohne ethische Beurteilung gleich erstrebenswert und der Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen, an eine neue Sexualethik heranführen. Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist.”

Der Wortlaut und die Intention der Petition ist ein Punkt für sich, der schon leidig genug ist. Dazu kommt aber noch, dass unter den Kommentaren, die auf der Petitionsseite zu finden sind, diskriminierende Positionen vertreten werden, in manchen Fällen sogar offen hetzerische Sprüche gegen LGBTTIQ propagiert werden.

 

Die Gegner der Gegner

Erst nachdem der Druck von außen richtig groß geworden ist, haben sich die Betreiber von openPetition wohl mit ihrer Verantwortung auseinandergesetzt, und angefangen, die teilweise horrenden Kommentare zu entfernen, bzw. die Kommentarseite zu moderieren. Zu zaghaft und zu spät, findet die Autorin und Bloggerin Nele Tabler, die bereits seit Mitte Dezember dem Unwesen auf der Kommentarseite der #idpet auf der Spur ist, und auf ihrem Blog und auf Twitter schon seit Wochen dezidiert dagegen angeht.

Zu spät, findet auch der LSVD, der am 13. Januar Strafanzeige  gegen den Betreiber von openPetition gestellt hat. So moniert der LSVD in seiner Anzeige:”[Der Betreiber] wäre deshalb, so meinen wir, verpflichtet, die Webseite laufend zu überwachen und neue volksverhetzende Kommentare sofort zu entfernen. Das tut der Betreiber nicht, sondern wartet ab, ob die Besucher der Webseite an den volksverhetzenden Kommentaren Anstoß nehmen und sie zur Löschung melden. Aber auch dann löscht der Betreiber die beanstandeten Kommentare meist nicht sofort, sondern erst nach mehrmaliger Mahnung. ” Die Strafanzeige ist mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft eingegangen, es gab aber noch keine Antwort seitens der Betreiber von openPetition.

 Und nun auch noch Datenmissbrauch

Und tatsächlich kam es dann nochmal dicker, als festgestellt wurde, dass es zum Missbrauch von personenbezogener Daten gekommen ist. Hier auch wieder Nele Tabler, die zu ihrem Schrecken feststellen musste, dass ihr Name benutzt wurde, um die #idpet zu unterschreiben. Sie kommt zu dem Schluss: “Somit dürfte klar sein, dass eine Unterschrift unter einer Petition bei openPetition eine höchst fragwürdige Angelegenheit ist und die angeblichen Unterzeichner_innenzahlen ein Witz sind. Dies gilt nicht nur für #idpet, sondern für alle Petitionen auf dieser Plattform und natürlich auch für die derzeit laufende „Gegenpetition“. ” Mittlerweile wurde ihr von openPetition mitgeteilt, ihr Name sei aus der Liste entfernt aber es ist die Rede von immer mehr Menschen, deren Name auf der #idpet-Liste auftauchen – ohne deren Einverständnis. Der Verdacht ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, dass Fake-Unterschriften gesammelt wurden, um die Zahl der Unterschreibenden künstlich in die Höhe zu treiben, wie in dem oben genannten Blog gezeigt werden konnte.

Mehr:

 Es gibt übrigens auch eine Gegenpetition auf Campact, die auch von der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) mitgetragen wird. Es ist natürlich euch überlassen, ob ihr prinzipiell die Idee einer Gegenpetition unterstützenswert findet oder nicht. openPetition hat sich jedoch m.E. in dieser Sache ziemlich diskreditiert als Plattform für ein solches Anliegen.

Es wird sehr viel (bzw. immer mehr) über die Affäre im Netz geschrieben. Ich möchte zum Abschluss auf einige Artikel weiterleiten, die ihrerseits nochmal mehr Hintergrundinformationen und auch weiterführende Links bieten:

 

Eine Zusammenfassung der Lage bei der Mädchenmannschaft

Nele Tablers Interview mit dem Missy Magazine

Stefanie Lohaus im FAZ-Blog

Andrea Meyers Gedanken auf kleinerdrei

 

 

*Ich = Sandy Artuso, die Chefredakteurin der Preziösen. Bei manchen Themen nimmt sie sich die Freiheit, die “nötige professionelle Objektivität” abzulegen – da kannste nix machen.