Konzertbericht: THE KNIFE am 27.04. in den Docks in Hamburg

SPOILER ALARM: Wer nächstens auf ein The Knife – Konzert geht, sollte NICHT weiterlesen. Ein Teil des Spiels von The Knife ist das Konterkarieren von Erwartungen. Die wollen wir nicht beeinflussen. Wir sind uns des Dilemmas bewusst – über das Erlebte berichten oder die Spannung halten für die Anderen – weshalb wir uns entschieden haben, euch vor der Lektüre zu warnen.

The work of an intellectual is not to mould the political will of others; it is, to re-examine evidence and assumptions, to shake up habitual ways of working and thinking, to dissipate conventional familiarities, to re-evaluate rules and institutions and starting from this re-problematization […] to participate in the formation of a political will.

[Michel Foucault, “The Concern for Truth” in: Foucault Live: Collected Interviews, 1961–1984, Sylvère Lotringer (Ed.). Semiotext(e) 19962]

 

Shaking The Habitual” heißt das neue Album und genau in diesem Stil feiern die Geschwister Dreijer ihre Konzerte. Die gewöhnlichen Erwartungen an ein Konzert sind Vorband – Umbaupause – Hauptband, die ihre Lieder vorträgt und das Publikum befriedigt. The Knife brechen mit diesen normalen Konzertvorstellungen und entführt die Fans in eine musikalische Welt, in der alles anders ist, als es scheint.

“We want to question The Knife.”

 Die klassische Vorband wird von einem eher ungewöhnlichen Aerobic-Instructor ersetzt, der neben der Bühne ein richtiges Warm-up mit dem Publikum durchführt, um es anzuheizen. Praktisch in vielerlei Hinsicht: Die Leute sind bereit zu tanzen und die Umbaupause fällt weg, denn die Instrumente stehen schon bereit.

“We are people trying to do something we haven’t done before. To not reproduce identities that are expected from us.”

Dann wird das Licht dunkler, die Strahler wechseln langsam ihre Farben. Alles wirkt mystisch. Das Konzert beginnt. Ein verkleidetes Kollektiv betritt die Bühne. Jede*r nimmt einen Platz ein. Viele im Publikum reagieren stutzig als sie merken, dass Musik und Gesang nicht immer live sind und oft vom Band laufen. Aber das Konzept dahinter ist simpel: Die Grenzen werden verwischt, jede*r ist Alles. The Knife und ihre Begleiter*innen sind gleichzeitig Musiker*innen, Sänger*innen, Tänzer*innen und Publikum.

“We felt too safe behind the masks. The mask had become an image of The Knife. Something that was meant to question identity and fame became a commercial product, an institution.”

Fast jedes Lied ist live schneller und basslastiger, auch tanzbarer, als auf den Alben. “Got 2 Let U“ wird im Dialog gesungen: der weibliche Part wird von einem der Tänzer gesungen und der männliche von einer auf die Bühne projizierten männlich wirkenden Person übernommen, die sich dann als Karen Dreijer Andersson mit Perücke und Bart herausstellt. Die Musik dröhnt aber nicht die ganze Zeit aus den Boxen, denn Karen und Olof nehmen sich auch die Zeit und singen und spielen live.

“We wanted to find a room where all sounds are just as odd or just as normal or the border between normal and strange is erased.”

Zum Abschluss zieht ein bewusstseinserweiternder Remix von “Silent Shout” alle in ihren Bann. Und als die Truppe dann die Bühne verlässt, bleibt das Licht aus und die Musik – es erinnert an eine Berghain-Technosession – läuft weiter. Ein gelungener Abgang, denn so wird diese plötzliche Leere am Ende eines Konzertes überspielt und das Gefühl bleibt noch ein wenig bestehen.

“Once you stop caring about rules or to question the function of popular music … It’s an experiment with time to make music that demands people’s time and consciousness… that is impossible to consume in a quick and easy way”

 Das Fazit des Abends: Das Gewöhnliche wird über den Haufen geworfen. Es vermittelt: “Wir sind alle hier, um uns an der Musik zu erfreuen. Lasst euch fallen und genießt es mit uns.“

“It’s time to move. To fall. To fly.”

Talula Almond / Céline von B

Alle englischen Zitate, soweit nicht anders vermerkt, sind dem Interview auf der Webseite von The Knife entnommen: http://theknife.net/