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Saskias Rückblick auf das 9. Pornfilmfestival Berlin

Vom 22. bis 26. Oktober lief in Berlin das 9. Pornfilmfestival – unsere Chefin der Bewegten und Unbewegten Bilder Saskia war dabei, und gibt nun hier einen Rückblick auf einige der Filme, die sie gesehen hat.

R100 (Hitoshi Matsumoto)
Betitelt als einer der größten Absurdisten des Weltkinos, hat mir Hitoshi Matsumoto mit R100 ein schon lange nicht mehr dagewesenes Filmvergnügen beschert. Eine spannende, völlig absurde Komödie, in welcher die Realitäten zwischen Privatleben, Sex und SM verschwimmen. Ein alleinerziehender Vater verstrickt sich in einem unkündbaren Vertrag mit einem SM-Studio. Dominas werden zu jeder Zeit geschickt um ihn zu züchtigen, und machen auch vor dem privaten Alltag nicht halt. Dazu gibt es graue und triste aber wunderbar komponierte Bilder. R100 bedeutet Rated 100, der Film ist also erst ab einem Alter von 100 Jahren freigegeben – und vielleicht auch erst mit soviel Lebensweisheit zu verstehen. Der Film existiert im Film als Film, über den drei nicht benannte Menschen diskutieren, und sich nicht ganz einig werden über die Bedeutung und Hintergründe der verschiedenen Szenen. Auch sie scheinen ihn nicht ganz zu verstehen. Mir ging es da genauso. Der einzige der den Film ganz verstanden hat, ist wohl der 100-Jährige Filmemacher im Film, der den Film im Film entworfen hat, der über den alleinerziehenden Vater handelt. Das absurde Finale des Films lässt auf jeden Fall alle Fragen offen.

R100

52 Tuesdays (Sophie Hyde)
Eine junge Erwachsene, deren Mutter eine Transition beginnt. Mit der Thematik von Identität und Sexualität konfrontiert, beginnt die Tochter sich mit der eigenen auseinander zu setzen, und erlebt mit Mitschülern wie sich Sexualität für sie anfühlt. Die Ästhetik des Films hat mir sehr gut gefallen. Spannend für mich war vor allem, dass der Fokus des Films auf den Erlebnissen der Tochter liegt, und einen intimen Einblick auf ihre Gedanken frei gibt. Endlich auch einmal visualisierte – und realistische – Sexszenen einer jungen Erwachsenen, die mit der eigenen Sexualität experimentiert. Sexpositive Rollenmodelle für junge Erwachsene – gerne mehr davon. Definitiv weiter zu empfehlen…

Momentum (Michelle Flynn)
Ein sehr bildhafter, atmosphärischer und ästhetischer Porno. Junge Menschen, die den Strand und ihre Körper genießen: Das wurde uns versprochen und es wurde zumindest in den ersten Szenen auch wunderbar umgesetzt. Im Laufe des Films lässt jedoch die Konsequenz nach, mit welcher diese Atmosphäre geschaffen wird. Auch die Kreativität der Kameraführung lässt leider nach. Statt die Sexszenen weiter in die schöne Umgebung einzubinden wird – meiner Meinung nach – recht starr und unspannend nur noch der Sex in den Fokus gesetzt. Die Sexszenen sind mir zudem prinzipiell etwas zu lang. Die letzte Szene, die fast über die Hälfte des Films einnimmt, in der zwei Frauen im Wohnzimmer Sex haben, war definitiv zu lange und hat leider die atmosphärischen Stilmittel sehr missen lassen. Die Detailverliebtheit und der Sinn für das Licht und die Location, wie zu Beginn des Films, hätten die Szene spannender gestalten können.

Momentum

Da gerade die Ästhetik dieses Films ein gutes Alleinstellungsmerkmal gewesen wäre, welches sicherlich sein Publikum gefunden hätte, ist es sehr schade, dass gerade dieser Punkt nicht konsequent verfolgt wurde.
Wer hier eine Metaebene sucht, wird nicht unbedingt fündig. Die Schauspieler brachten jedoch alle eine sehr gelungene Performance auf die Leinwand. Wie die Regisseurin im Gespräch danach verriet, kannten sich die Darsteller*innen persönlich und konnten so eine sehr authentisches Miteinander schaffen.


Put The Needle on The Record ( Shine Louise Houston)

Sehr schöne inszenierte Szenerie mit gut gesetztem Licht und schöner Kameraführung. Vier Menschen in einem Wohnzimmer. Eine Frau erzählt, wie sie im College eine der damals begehrtesten Frau verführt hat. Zwei andere agieren miteinander auf die Passagen der Erzählung, und verschwinden letztendlich zu zweit. Es gibt eine kleine Metaebene, nicht zu tiefgründig, aber es gibt eine.
Es gibt übrigens eine gleichnamige Doku über die Entwicklung der Elektro-Musikszene und die Entwicklung von DJs in der Popkultur. Ob der Titel auch eine Anspielung zu dieser Doku ist, kann ich nicht sagen. Ich habe sie leider noch nicht gesehen.

Fuck Dolls (Sarah Stardust)
Zwei Barbies werden lebendig und haben Spaß miteinander. Die nicht-lebendigen Barbies werden auf überaus kreative Weise mit ins Spiel gebracht. Die Ironie im Clip hat mir sehr gut gefallen. Sehr schön überzogen und bunt. In diesem Kontext gefällt mir auch die Aufmachung der beiden Darsteller*Innen.

Going Here (Courtney Trouble)
Zwei Frauen in einem Fahrstuhl. Es liegt die Vermutung nahe, dass der Fahrstuhl stecken bleibt, und es so zu darauffolgendem Sex kommt. Eine der Frauen sitzt im Rollstuhl, was durchaus kein Hindernis ist, um ein weites Spektrum an abenteuerlichen Stellungen auszuprobieren. Ein sehr inspirierender Film. Zudem ist positiv anzumerken, dass der Sex durchgehend safe stattfindet. Ich freue mich, dass hier die Möglichkeit geschaffen wurde, Menschen mit Behinderung selbstbewusst in einem Porno zu zeigen. Yeah, go for it! Mehr davon!

(S)He comes (Petra Joy)
In der ersten Szene gibt Wolf Hudson in einem sehr tollen Kostüm einen kleinen Solo zum Besten, dazu läuft ein – ich vermute – portugiesisches Lied, in dem ich nur die Worte Petra Joy verstehe, die sich wiederholen. Das irritierte mich etwas, da es sich – auch durch die visuelle Umsetzung mit Highkey – etwas nach einem Werbeclip anfühlte. Ich wartete auf das Produkt, darauf dass plötzlich ein Dildo ins Bild springt und die Off-Stimme ihn anpreist und den Preis ansagt.
Es gibt es eine Szene, in welcher der Altersdurchschnitt der Darsteller*innen höher war. Das entsprach zwar nicht meinem persönlichen Geschmack, aber es ist positiv zu bemerken, dass hier auch ein älteres Publikum auf sein Kosten kommen kann. Gestalterisch waren die Clips alle gut umgesetzt. Professionelle Kameraführung und Licht, wenn auch die Ästhetik nicht ganz meinem persönlichen Geschmack trifft. Ich könnte mir vorstellen, dass den Geschmack eher eine andere Generation teilt. Der Altersdurchschnitt der Darsteller*Innen war hier auch mit am höchsten.
Der letzte Clip mit Jiz Lee und Wolf Hudson hat mir am besten gefallen, was den Sex und die Protagonisten betraf. Hier ging es schon um einiges spannender zu. Weniger klassische Geschlechter-Rollen, als in den anderen beiden Clips zu sehen war. Und Wolf Hudson in roten Stiefeln: sexy.

Diet of Sex (Borja Brun)
Ein sehr unterhaltsamer und ansehnlicher Film im Stil eines Spielfilms.
Sie hat Probleme Sex zu genießen. Er will ihr dabei helfen. Die Kameraführung und der Schnitt haben mir anfangs sehr gut gefallen. Der Film hat zudem eine sehr angenehme Prise Ironie. Eine sehr leichte Geschichte mit viel Essen und viel Sex. Sehr leckere Kombination.

Dirty Boots (Adam Baran)
Ein Musikvideo für Holopaw’s “Dirty Boots”. Visuell sehr schön und stimmungsvoll umgesetzt. Eine Biker-Gang in Brooklyn, Nachtclubs, Sex, Leder … ich konnte den Schweiß auf seiner Stirn am Ende fast schmecken.

dirty Boots

Shutter (Goodyn Green)
Wie erwartet bekam ich Bilder zu sehen, die zeigen, dass hier eine Fotografin am Werk war, die ihr Handwerk versteht. Nicht zu Unrecht war in den Medien viel die Rede von diesem Film. Bereits am ersten Tag war die Vorstellung ausverkauft. Die erste Szene zeigt einen Wald im Herbst, mit wunderbarem Licht. Goodyn Green selbst läuft zielstrebig hinein, trifft eine Frau* die an einen Baum gelehnt ist, und hat kurzerhand Sex mit ihr*. So schön und schnell kann ein ungezwungener Kontext in einem Clip integriert werden. Die Szene erinnert an das, was ich mit dem Cruising vom schwulen Männern assoziiere. Aber das wäre ja nicht das erste Mal, dass Goodyn diese Verbindung aufgreift, und Frauen* in vermeintlich „schwul“ gelesenen Posen und Situationen wiedergibt (sh. ihre famose Fotoreihe The Catalog). Auch die restlichen Clips überzeugen alle mit bester Bild- und Lichtgestaltung, und erzeugten eine behaglich warme Atmosphäre. Auch der Sex der Darsteller*innen fühlte sich für mich sehr authentisch an, und machte Spaß beim Zuschauen.

Fucking Mystic (Courtney Trouble)
Definitiv hat Courtney Trouble werbetechnisch alles richtig gemacht, und den Film super gehyped. Die vom Publikum weiter transportierte Aufregung um den Film konnte ich jedoch nicht ganz nachvollziehen. Es hieß, der Film wäre nicht wie bisher ein Episodenfilm, sondern der erste narrative Porno-Spielfilm von Courtney Trouble. Diese Titulierung finde ich etwas übertrieben. Es gibt mehrere Sexszenen, mit Zwischensequenzen verbunden, die im Durchschnitt nicht mehr als einen Satz enthalten, und auch nicht mehr als eine Minute benötigen. Die angeworbene Sexorgie mit, ich glaube, 16 Darsteller*Innen, war so geschnitten, dass kaum ersichtlich war, wer mit wem Sex hat, und wo denn all diese Menschen überhaupt sind. Der Plot: Eine Trans-Frau, neu in der Großstadt, kann durch ein Medaillon plötzlich mit jedem Menschen ihres Beliebens einvernehmlich Sex haben. Visuell war es spannend umgesetzt, mit Bildüberlappungen und schnellen Schnitten, aber eben nicht ganz so pompös wie geworben wurde – und ich mir eine Sexszene mit 16 Menschen vorgestellt habe. Dennoch war er gestalterisch und technisch sehr schön, und professionell umgesetzt.

x-confession

X-Confession (Erika Lust)
Von diesen Episoden war ich persönlich nicht sehr angetan. Für mich fühlten sich einige Elemente etwas nach Mainstream-Porno an. Zum Beispiel, als zwei Frauen in einer aktfotoähnlichen Lichtsituation Sex haben. Sie haben nichts an außer High Heels. Aber natürlich ist das Geschmackssache. Die Frauen* waren mir in fast allen Clips jedoch zu sehr klassisch femininen und die Männer* alle klassisch maskulinen Rollenbildern entsprechend. Zusätzlich war mir einfach zu viel der konventionellen Schönheitsnormen vertreten. Die eine Szene, in der eine Frau* einen Mann* mit einem Dildo penetriert, fand ich etwas spannender. Die technische Umsetzung war in allen Clips sehr professionell. Von der Kamera bis zum Licht war alles sehr schön umgesetzt. Eigentlich hatte ich mir immer einen Porno sehr anregend vorgestellt, der in einer Art isolierter Umgebung wie einem Fotostudio gedreht wird. Mit einer Ästhetik eines klassischen Aktfotos. Letztendlich war ich dann doch recht enttäuscht, als ich genau diese Idee als Clip auf der Leinwand hatte. Irgendwie fand ich das Ganze recht langweilig. Nicht unbedingt wegen der High Heels, aber vielleicht wegen der Art wie diese beiden Frauen miteinander Sex hatten. Unterm Strich konnten mich diese Clips in meinem Porn-Film-Marathon nicht unbedingt wach halten.
Für meinen Geschmack zu wenig queer und Spannung. Ein Publikum mit heterosexuellen Vorlieben könnte bestimmt mehr Spaß an den Clips haben.