Queer Porn und Safer Sex

Queer Porn und Safer Sex –
Eine Liaison, die beim 9. Berliner Pornfilmfestival kaum eingegangen wurde

von Detlef Georgia Schulze

Letzten Monat fand in Berlin das 9. Pornfilmfestival statt. Es schmückt sich mit einem „alljährlichen Schwerpunkt zum feministischen Pornofilm“, und es setzt sich – dem Anspruch nach! – entschieden vom Mainstream ab: Dem „amerikanischen Porno-Mainstream“ wird im Programmheft bescheinigt, „sich in den letzten Jahren mitunter als öde Wüstenlandschaft“ präsentiert zu haben (S. 14), und dessen „oft so starren Regeln“ werden dort ebenfalls beklagt (S. 17). Statt dessen wird auf die Reputation des „Western art house cinema […] for breaking clichés and daring to show more than was allowed in mainstream film“ Bezug genommen (S. 54). Das Festival selbst tritt mit folgendem Anspruch an:
„Setzt gemeinsam mit uns dem sich zunehmend organisierenden Neokonservatismus (Anm.1) ein entschiedenes Nein entgegen – und feiert gemeinsam mit uns Freiheit, Offenheit, Lebens- und Liebesfreude. Wir freuen uns auf Euch!“ (S. 3) Lebensfreude hat als basale irdische Voraussetzung freilich, zu (über)leben. Daher kann wohl – ohne überzogene Ansprüche zu vertreten – von einem Festival, das sich vom Porno-Mainstream absetzt, erwartet werden, dass safer sex eine gewisse Rolle spielt.

Eine kleine Statistik

Nach 13 Vorstellungen mit
# acht – mehr oder minder – abendfüllenden Filmen,
# vier – mehr oder minder kurzen – Vorfilmen,
# Special (Vorstellung des Muestra Murrana-Festivals in Barcelona) bzw. Künstlerin-Portrait (Filmmaker in Focus)
und
# 18 Kurzfilmen, die ich gesehen habe, sowie
# einer gekauften und ebenfalls gesehenen DVD

ist allerdings weitgehend Fehlanzeige zu vermelden: Selbst Sperma ejakulierende Schwänze waren nicht durchweg mit Kondomen angezogen; Latexhandschuhe wurden bei vaginalem und analem Fingern nur sporadisch verwendet und Dental Dams (Latex-Lecktücher) waren in rund 1.500 Minuten Film, die ich sah, 3 Stück in vielleicht fünf Minuten in zwei unterschiedlichen Filmen (Anm.2) zu sehen – obwohl vaginal und anal durchaus viel geleckt wurde.
Auf diesen Umstand angesprochen, sagte ein Mitglied des Festival-Teams, es dürfte die policy der gezeigten Filme sein, dass die DarstellerInnen selbst entscheiden, in welchem Ausmaß sie safer sex praktizieren. Zu bedenken sei außerdem, dass viele (queere) DarstellerInnen auch außerhalb der gezeigten Filme in sexuellen Beziehungen mit einander lebten, in denen sie Sex mit Austausch von Körperflüssigkeiten praktizieren – und dass sie das dann im Rahmen ihrer Filme genauso handhaben.

Kohärenz und Ausweichmanöver

Freilich könnte von einem Film – wenn schon ansonsten nichts Anderes – zumindest eine gewisse Kohärenz erwartet werden. Und die „Geschichte“ der meisten Pornos (wobei von „Geschichte“ zu sprechen, in Bezug auf die meisten der von mir gesehen Filme stark übertrieben ist) ist nicht, den privaten Sex von Paar X oder Dreieck-, Vierecks, … -Beziehung Y oder Z zu zeigen:
# Die Geschichte eines der von mir gesehenen Filme war vielmehr: Anmeldung bei einer Swinger-Webseite; Date mit einem anderen Paar am gleichen Abend; kurzes Hallo und „Ich hoffe, es wird ein unvergeßlicher Abend.“ – Sex (Biodildo 2.0; vgl. Teil 1).
# Die Geschichte eines anderen Filmes war: Ab in den Supermarkt; Blickwechsel mit einer Frau; Greifen nach dem gleichen Artikel; Einladung, mit ihr nach Hause zu gehen; BDSM-Sex (ohne weiteren vorherigen Dialog); ab nach Hause und Klamottenwechsel; Rein ins nächste Geschäft; Verkäuferin fragen, ob sie Sex will; klar – so sehr, daß sie den Laden Hals über Kopf verläßt; wiederum Sex ohne vorhergehende Absprachen (Fucking Mystic).
# Und noch eine ‚Geschichte’: Vier Frauen in einem Hotelzimmer. Was sie alle in das gleiche Hotelzimmer führte, wurde nicht erzählt. (Girlpile)
usw. usw.

Und es wurden auch – jedenfalls während des Festivals – keine Vorspann- oder Nachspann-Interviews mit den DarstellerInnen gezeigt, die ggf. enthüllen könnten, dass die Filme Phantasien von (weitgehend) geschlossenen Paar-, 3er-, 4er-, … -Beziehungen zeigen – und deshalb – anders als es (bei einem verantwortlichen Umgang mit einander) der Logik der Geschichten entspräche – kein safer sex praktiziert/gezeigt werde. Und selbst falls es auf den zugehörigen DVD bei den „Extras“ entsprechend Interviews geben sollte, wäre noch die Frage, wie viele KäuferInnen sich nicht nur den Hauptfilm, sondern auch die „Extras“ ansehen und etwas die „Extras“ an der bewußtseinsprägenden Wirkung des Hauptfilms ändern können. Des weiteren: Wie viele der bei dem Festival gezeigten DarstellerInnen werden wohl tatsächlich in – mehr oder minder – geschlossenen Beziehungen leben, hauptsächlich mit ihren Beziehungen Pornos drehen und in ihren Beziehungen ungeschützten, aber außerhalb ihrer Beziehungen safer sex haben? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß nicht außerhalb der Beziehungen – sei es bei der (Porno-)Arbeit, sei es privat – doch mal der safer sex vergessen wird, wenn er nicht als allgemeine Praxis habitualisiert ist? Und was ist mit Krankheiten, die zwar auch, aber nicht ausschließlich sexuell übertragen werden können?(Anm.3)

Eine weitere Rechtfertigung der gezeigten unsafen Sexpraktiken bestand in dem Hinweis darauf, daß sich die DarstellerInnen ja regelmäßig testen lassen würden – aber zum einen ist auch dies nur eine Kontextinformationen, die in den gezeigten Film nicht zum Tragen kommt: In den Filmen haben sich die jeweiligen SexpartnerInnen nicht ihre jeweils neuesten Testergebnisse gezeigt. Hinzukommt: Für hauptberufliche Porno-DarstellerInnen mag noch halbwegs realistisch erscheinen, dass in einem strikten Rhythmus Tests in ihren ‚Dienstplan’ einbauen. Für nebenberufliche oder Hobby-Porno-DarstellerInnen sowie Menschen, die vor allem innerhalb von Beziehungen, und in unregelmäßigen Abständen Sex außerhalb ihrer Beziehungen Sex haben, erscheint mir ziemlich unrealistisch zu sein, dass sie sich entweder anlass-unabhängig regelmäßig testen lassen oder Tests immer genau dann machen zu lassen, wenn es geboten ist.(Anm.4) Denn: Wie schon gesagt, unter anderem sexuell übertragbar Krankheiten können auch anders übertragen werden. Sie können schon übertragbar sein, bevor sie Symptom zeigen und sogar bevor sie nachweisbar sind:
„Da der HIV-Antikörper-Test ein diagnostisches Fenster von drei Monaten hat, liegt die Zeit mit dem größten Infektionsrisiko ausgerechnet in der Zeit, in der sich auch bei einem Test keine klaren Aussagen machen lassen. Folglich kann trotz vorliegen eines aktuellen negativen HIV-Tests aus diesem allein auch keine Aussage über den gegenwärtigen Infektionsstatus der betreffenden Person abgeleitet werden. Den richtigen Zeitpunkt für einen Test abzupassen, ist in dem letztgenannten Fall unmöglich, unter den vorgenannten Gesichtspunkten zumindest schwierig.

Tests bieten also eine Pseudosicherheit, sodass ungeschützter Sex nach negativen Testergebnissen in dem deutschen Wikipedia-Artikel „Safer Sex“ nicht genannt ist und SexarbeiterInnen, die ausschließlich safer arbeiten, KundInnen, die ungeschützten Geschlechtsverkehr unter Berufung darauf, dass sie kürzlich negativ getestet worden seien, ablehnen. Der englischsprachige Wikipedia-Artikel zu „Safer Sex“ berichtet dagegen: „In the US pornographic film industry, many production companies will not hire actors without tests for Chlamydia, HIV and Gonorrhea that are no more than 30 days old-and tests for other STIs no more than 6 months old. Dies reflektiert meiner Überzeugung nach in erster Linie das ökonomische Interesse dieser Produktionsfirmen unsafem Sex zu zeigen und wälzt die Verantwortung und den Aufwand, sich testen zu lasten, auf die DarstellerInnen ab statt safer sex-Material an den Drehorten bereitzuhalten und umfassend zu verwenden. Nun mag es DarstellerInnen geben, die sagen, dass auch ihnen Tests lieber seien als die Verwendung von safer sex-Materialien. – Aber genau das ist ja das beeindruckende an der kapitalistischen Produktionsweise: Daß die allermeisten Menschen, die unter deren Herrschaft leben, immer schon ganz freiwillig das denken und machen, was für das funktionieren dieser Produktionsweise (hier: den Verkauf von Pornos) nützlich ist.

Allerdings sei zugestanden, dass es im queeren Bereich nicht in erster Linie ökonomische Zwänge sein dürften, die DarstellerInnen veranlassen, unsafem Sex in den Filmen, an denen sie mitwirken zu praktizieren. Viele Projekte in diesem Bereich dürften – oft noch mit Kosten verbundene – Liebhaberei sein, statt zum Lebensunterhalt beizutragen.

Trotzdem bleibt die Frage, was dem groß vor sich her getragenen queeren Anspruch eher gerecht wird: Unsafem Sex unkritisch darzustellen oder die umfassende Verwendung von safer sex-Material zu erotisieren? (Anm.5)

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Anm.1: Eine Anspielung im Programmheft auf die Wahlerfolge der AfD, „maskulinistische Internet-Trolle und d[ie] rechtsextremen Tendenzen der neuen Montags-Mahnwachen“.
Anm.2: Zwei der Dams waren in Courtney Troubles Going Here zu sehen; der dritte ebenfalls in einem der im Rahmen der lesbischen Kurzfilme gezeigten Filme.
Anm.3: Diese Krankheiten können unabhängig von Sex eingefangen und dann beim Sex weiter übertragen werden.
Anm.4: Vielmehr ist wahrscheinlich, dass sich da leicht eine gewisse Laxheit einschleicht.
Anm.5: In diesem Sinne möchte ich den Anfang des – ebenfalls bei dem Festival gezeigten – Kurzfilms von Shu Lea Cheang Fingers & Kisses erwähnen (eine der Darstellerinnen verkürzt in der U-Bahn an der offenen Seite einen Latexhandschuh und steckt dann ihre Zunge hinein und bewegt diese). Ein anderes gelungenes Beispiel ist m.E. Entre Filles, on ne risque rien von Émilie Jouvet (auch wenn dort leider unsichere Frischhaltefolie statt eines Dental Dams verwendet werden).