queer women* photographing queer women* – Photo-Ausstellung in Berlin

von M. Pan

Wer sieht was? Und in wem? Von welchen Bildern sind unsere Augen geprägt? Welche Körper_lichkeiten finden wir ablichtenswert, und warum?

Auf der Suche nach Antworten war ich, als ich letzten Monat zu der Vernissage der Ausstellung queer women* photographing queer women* ging. Die Ankündigung versprach alternative Repräsentationen von Lebensentwürfen, die nur selten von der Mehrheitsgesellschaft mitgedacht werden, einen Bruch mit Stereotypen & Authentizität. Dies sind schwer einzuhaltende Versprechen, denn was soll schon ‘alternativ’ bedeuten? Ich fragte mich, wie es möglich sein soll, von einer Norm abzuweichen, die sich sowohl durch ihre Allgegenwärtigkeit als durch ihre Unsichtbarkeit auszeichnet. Noch viel schwieriger erschien es mir, statt der einen Norm_ierung nicht gleich die nächste aufzustellen.

Enttäuscht wurde ich dennoch keineswegs. Es handelt sich um eine Gruppenausstellung und es wurden dafür von der Kuratorin Stefanie Morgner sieben Fotograf*innen zusammengetrommelt, welche ganz unterschiedliche Konzepte verfolgen und sich dennoch irgendwo in der Mitte zu treffen scheinen. Und zwar dort, wo Frauen*_Körper nicht hinterfragt_normiert werden.

 Wer unvoreingenommen die Bilder betrachten möchte, sollte diesen Absatz überspringen!

 Goodyn Green hat vor kurzem ihr* erstes Foto-Buch herausgegeben, eine Sammlung an Bildern von nackten Frauen*, in für schwule Magazine üblichen Stellungen posierend. Ihre* Arbeiten scheinen stets sich in den gap zwängen, die Grauzone zwischen den vorgegebenen gender expressions erforschen zu wollen. Dabei verwendet sie* ein in der Fotografie nicht unbekanntes Motiv: das Tauschen der Kategorien. Was hier jedoch besonders ist und das Ganze in meinen Augen sehr wichtig_wirkungsmächtig macht, ist dass es sich nicht, wie gewohnt, um die Kategorie Geschlecht_Gender geht, sondern um das desire. Dabei tritt etwas in Erscheinung, was nur selten Platz findet: der Wille, die Aggressivität der weiblichen* Lust.

Bianca Werners Fokus liegt eher auf dem Erfassen von un_bedeutsamen Momenten. Hauptsächlich mit Einwegkameras begibt sie* sich auf die Suche nach der einen Sekunde, in der sich Identität und Beziehung kristallisieren und festgehalten werden können. Ihr* Werk kommt meines Erachtens dem ungetrübten Blick auf Menschen, den ich suchte, am Nächsten – denn dessen Unbekümmertheit und Spontaneität verunmöglichen Ästhetikrecherche und Standardisierung.

Alex Giegolds Selbstportraits waren für mich eine besondere Schwierigkeit. Was sie* sagen_darstellen wollte blieb mir lange unklar, bis mir der Gedanke kam, dass es womöglich genau um die Problematisierung der Darstellung geht: sie* scheint mit ihrer* eigenen An_Abwesenheit zu spielen und bringt die Betrachtenden so dazu sich zu fragen, wer eigentlich warum auf welchen Bildern ist.

Camilla Storgaard wählte einen Ansatz, der Weiblichkeit* nicht als eine Schwäche, sondern als Stärke_Standhaftigkeit darstellt, und der, im Gegensatz vielleicht zu Goodyn Greens Fotografien, nicht direkt Geschlecht attackiert, sondern die damit verbundenen Ideen.

Auch Laura Muthesius verwendet Motive, die mir bekannt vorkamen. Ein nackter Frauen*rücken ist kein rares Bild, und doch: die von ihr abgelichteten Körper wirken wie die Landkarte eines Landes das es noch zu entdecken gilt. Statt der gängigen Brutalität, mit der weibliche* Körper sich sonst angeeignet werden, sind diese flüchtig, verschwindend und doch voller Sinnlichkeit.

Bei Sara Perssons Werken war mein erster Gedanke „Zucker“ – sie* hat sich laut eigener Aussage dazu entschieden, „gorgeous women*“ zu porträtieren. Als einzige entschied sie* sich gezielt für Nicht-Weiße und sorgt so für die Sichtbarkeit von Queers of Color.

Über meine*n persönliche*n Favorit*in, Claudia Kent, könnte ich viele, möchte aber nur wenige Worte verlieren: der Spaß, den sie* mit der heteronormativen Matrix hat, ist einfach nur bemerkenswert!

 Alles in allem scheint die Ausstellung genau das zu tun, was sie vorhatte: die Vielfalt möglicher Identitäten_Identifikationen zu zeigen. Sie eröffnet eine bubble in der Abweichung keinen Kampf mehr bedeutet. Sie sagt unheimlich viel über Queerness im Generellen aus und bietet parallel einen Einblick in die Beziehungen der Fotograf*innen zu ihrer Identität und zu den Menschen um sie herum. Gerade diese Mischung aus Politischem, Abstraktem, und zutiefst Persönlichen ist das, was mich meine Eingangsfragen nahezu gänzlich mit „Ja“ beantworten lässt: innerhalb einer Sub_Kultur ist es möglich, Normen beiseite zu lassen und in Erscheinung treten zu lassen, was das eigene Leben ausmacht.

 Zu sehen ist die Ausstellung queer women* photographing queer women* noch bis Ende Juli im The Club, in der Biebricher Straße 14, Berlin-Neukölln.

 

In diesem Text wird der dynamische Unterstrich verwendet. Er dient der Markierung fließender, ineinander verflochtener Konzepte und Prozesse und versucht ins Bewusstsein der Lesenden zu rücken, dass die Abgrenzungen zwischen Worten und Ideen nicht zwingend deckungsgleich ist. Zur Markierung von Gender, welches hier als kontingent_fließend_veränderbar begriffen wird, wurde das * verwendet.