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Das schottische Unabhängigkeitsreferendum – Teil II

Teil II: Die Konstruktion der schottischen Identität

In wenigen Tagen wird die schottische Bevölkerung über ihren Verbleib im Vereinigten Königreich abstimmen. Dieser Artikel liefert in drei Teilen einen Überblick über die Ursprünge der Sezessionsbewegung, die Konstruktion der schottischen Identität (2. Teil) und die Wahrscheinlichkeit eines unabhängigen Schottlands (3. Teil).

Das Konstrukt einer schottischen Identität

Es ist der SNP in den letzten Jahrzehnten gelungen, in der breiten Gesellschaft die Vorstellung an eine schottische Identität zu verankern. Denn erst durch eine Reihe verschiedener identitätsstiftender Merkmale, wie etwa einer eigenen Sprache, Geschichte und Kultur, gelingt es sezessionistischen Kräften ihre ethnische Gruppe von anderen Gemeinschaften des zentralstaatlichen Verbandes hervorzuheben, um gezielt Sonderrechte gegenüber dem politischen Zentrum einzufordern. In Schottland erweist sich dieser Prozess jedoch als besonders schwierig.
Die zwei Eckpfeiler der schottischen Identität sind erstens geographisch und zweitens ethnisch. Der Grenzverlauf zwischen England und Schottland hat sich seit dem Vertrag von York 1237 nur marginal verändert. Es lässt sich somit eindeutig ein Gebiet abgrenzen, welches seit Jahrhunderten eng mit der kulturellen und politischen Entwicklung der schottischen Ethnie verbunden ist, die traditionell die klare Mehrheit der Bevölkerung stellt. Mit einem schottischen Bevölkerungsanteil von knapp 85% ist Schottland relativ homogen. Knapp 8% der Bevölkerung gehören britische Volksgruppen an und bilden damit die zweitstärkste Fraktion, jedoch sind diese Gruppen nicht politisch aktiv. Auch Iren, die in den vergangenen Jahrhunderten nach Schottland immigrierten, machen heute nur rund ein Prozent der Bevölkerung aus und sind nahezu gänzlich assimiliert. Diese relative Homogenität der schottischen Gesellschaft wird jedoch dadurch kokettiert, das die Bevölkerung selbst sich sehr ungleich verteilt, was wiederum nicht zuletzt den geographischen Bedingungen geschuldet ist. Interessanterweise orientiert sich das schottische Nationalbewusstsein kaum anhand ethnischer Kategorien was, beispielsweise im Vergleich zum flämischen Fall in Belgien, innerhalb Europas eine Seltenheit darstellt. Dies liegt unter anderem daran, dass heute der größte Teil der schottischen Volksgruppe außerhalb Schottlands lebt. Auch die SNP definiert die schottische Identität nicht über die ethnische Herkunft, weswegen sie sich unter anderem für mehr Zuwanderung ausspricht.
Abseits dieser in der Praxis kaum betonten ethnischen und geographischen Komponenten lassen sich jedoch nur bedingt klassische Merkmale identifizieren, die tragfähig genug sind, um identitätsstiftend wirken zu können.
Beispielsweise ist unter einer linguistischen Perspektive anzumerken, dass Standardenglisch in der gesamten Bevölkerung verbreitet ist, was die alte Amtssprache des Scots soweit verdrängt hat, dass es heute nur noch in Form von Dialekten und zu einem gewissen Umfang als Literatursprache seine Existenz bewahren konnte. Auch die keltische Kultur sowie deren gälische Sprache sind heute nur noch in einer verschwindenden Minderheit der Gesellschaft verankert. Vor allem in Form des Kilts als Nationaltracht ist sie noch symbolisch wirkmächtig.
Auch eine Betrachtung der religiösen Komponente zeigt, dass ein direkter Gegensatz zwischen der britischen und der schottischen Identität nicht gegeben ist. So stellt zwar presbyterianische Church of Scotland auch heute noch die größte Glaubensgemeinschaft vor der katholischen Kirche dar, jedoch hat sie im Zuge der Säkularisierung weite Teile ihrer identitätsstiftenden Macht verloren. Auch historisch lässt sich, aufgrund des seit 1707 bestehenden Rechts auf eine eigene Nationalkirche Schottlands, kein Kapital für eine nationale Bewegung gewinnen, da dieses Recht im Vereinigten Königreich nie direkt herausgefordert wurde. In dem Grad, in dem religiöse Institutionen die Mitglieder schwinden, sinkt auch die Möglichkeit Religiosität als zentrales Identitätsmerkmal zu nutzen.
Unter ökonomischen Gesichtspunkten unterscheidet sich Schottland nur bedingt vom Rest Großbritanniens. Im Zuge der Industrialisierung entwickelte sich eine fortschrittliche Schwer- und Schiffbauindustrie, die sich vor allem im Tiefland ansiedelte. Damit einhergehend formierte sich eine große Arbeiterklasse, welche sich früh in Gewerkschaften organisierte und politisch aktiv wurde. Mit der Erschließung von Ölquellen an der schottischen Nordseeküste sowie dem Ausbau moderner Industrieanlagen, insbesondere im chemischen und elektrotechnischen Bereich, ist es Schottland gelungen, einen Teil seiner Industrie zu halten. Tatsächlich wird insbesondere das Öl immer wieder als schottisches Merkmal herausgestellt, jedoch sind entsprechende Kampagnen, zum Beispiel im Zuge des Referendums von 1979, kaum in der breiten Öffentlichkeit erfolgreich gewesen. Ein zentraler Wirtschaftsfaktor liegt heute im Finanzdienstleistungssektor, welcher seit den 80er Jahren enorme Wachstumsraten verzeichnen konnte. Edinburgh hat sich als wichtiger Standort der Hochfinanz etabliert und unterscheidet sich kaum vom englischen Pendant in London.
Schottland verfügt somit nicht über eine eigenständige Sprache, Religion oder Wirtschaftsstruktur, woraus sich eine spezifisch schottische Nationalität ableiten lassen könnte. Der SNP ist es jedoch gelungen einige spezifische Faktoren gezielt anzusprechen, um diese Nachteil auszugleichen.

1. Aufgrund der langen Tradition einer starken Arbeitnehmerschaft ist die schottische Gesellschaft traditionell eher links orientiert und klassischen Werten wie Solidarität und Gleichheit verbunden. Mit dem Zusammenbruch der Schwerindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg und dem stetigen Anwachsen der Arbeitslosenzahlen blieb diese politische Sichtweise prägend. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der 80er Jahre, die vor allem durch die Kürzung von Sozialleistungen und der Bekämpfung der Gewerkschaften gekennzeichnet war, ist in Schottland auf breite Ablehnung gestoßen, was sich insbesondere am schlechten Abschneiden der Tories in Wahlen noch heute erkennen lässt.
Die SNP nutzt diese politische Situation für ihre Argumentation gezielt aus: Als linke Partei verspricht sie den Ausbau sozialer Leistungen, höhere Renten und die Anhebung des Mindestlohns. Da die schottische Regierung Mittel von London bereitgestellt bekommt und über diese frei verfügen kann, ist die SNP bisher nicht gezwungen wurden, die Kosten für eine derartige Politik an die Bevölkerung weiterzugeben obwohl das schottische Parlament das Recht besitzt, in engen Grenzen eigene Steuern zu erheben. Auf dieser Weise ist es ihr gelungen sowohl Arbeitnehmer als auch sozial schwache Bevölkerungsgruppen an sich zu binden.

2. Das zentrale Mittel der SNP die schottische Nationalität in der Bevölkerung zu verankern besteht darin, die eigene Gruppe vom Rest Großbritanniens, insbesondere Englands, zu trennen und fortlaufend einen schottisch-englischen Gegensatz zu betonen. Mit historischen Verweisen auf die imperialistische Politik Englands, deren erstes Opfer Schottland wurde, werden alte Nationalhelden und Schlachten in Erinnerung gerufen. Diskussionen um eine gerechte Beteiligung Schottlands an den Öleinnahmen werden schnell zum Politikum, da die Angst geschürt wird der starke Nachbar bereichere sich an den nationalen Ressourcen Schottlands. Der Slogan „It’s Scotland‘s oil“ steht sinnbildlich dafür wie das Selbstbild Schottlands als Opfer britischer Politik gepflegt wird. Das Schottland höhere Finanzzuwendungen aus London erhält als die anderen britischen Regionen spielt für die sezessionistischen Kräfte letztlich keine Rolle. Aber auch die Überrepräsentation der schottischen Bevölkerung im britischen Parlament angesichts der Einwohnerzahlen wird selten betont.

3. Das Erstarken einer schottischen Identität ist zudem weniger dem Erfolg separatistischer Gruppen geschuldet als vielmehr dem Versagen der britischen Politik im Zuge der Dezentralisierung auch die unionistischen Kräfte zu stärken. So wird den zentrifugalen Kräften innerhalb Schottlands von Seiten Londons nichts Gleichwertiges entgegengesetzt. Die Tories, historisch die Vertreter der Union, genießen seit den 80er Jahren keinen politischen Rückhalt mehr innerhalb der Region. Labour hingegen hat seine einstige Führungsrolle innerhalb Schottlands verloren, da die Regierung Blair sowohl die neoliberale Wirtschaftspolitik der Konservativen fortführte als auch federführend war Großbritannien an unpopulären Auslandsmissionen zu beteiligen. Die politischen Parteien Großbritanniens haben somit viel an Vertrauen verspielt, was die SNP gezielt nutzt. Die hohen Arbeitslosenzahlen infolge gescheiterter Industriepolitik, die schlechtere Infrastruktur sowie der Zusammenbruch des britischen Empires haben das Ansehen der politischen und gesellschaftlichen Institutionen Großbritanniens schwer geschadet.
Das Resultat dieser Entwicklung wird deutlich wenn man sich vor Augen führt, dass sich lediglich 20% der Schotten als Britisch, jedoch 69% als Schotten identifizieren. Für eine populistisch agierende Partei wie die SNP sind dies gute Bedingungen, um ihre Vorstellungen von einem unabhängigen Schottland zu verbreiten. Günstig wirkt sich für die SNP zudem ihr charismatischer Parteivorsitzender und ihre klare proeuropäische Haltung aus, mit der sie sich insbesondere im europäischen Ausland als vertrauenswürdiger Partner etablieren konnte, vor allem angesichts der zunehmend europaskeptischen Politik Londons. Aktuelle Umfragen im Vorfeld des Referendums lassen jedoch den Schluss zu, dass der Erfolg der SNP als seriöse, links der Mitte angesiedelten, proeuropäischen, weltoffenen und national-populären Partei weniger mit der Herausbildung einer stabilen schottischen Identität, sondern vorrangig auf ihre großzügige Sozialpolitik zurückzuführen ist.

L. Sebastian Trept ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Er beschäftigt sich unter anderem mit Sezessionsbewegungen in westlichen Demokratien.