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Das schottische Unabhängigkeitsreferendum – Teil III

Teil III: Wer gewinnt das Referendum – Emotionen vs. Rationalität

In wenigen Tagen wird die schottische Bevölkerung über ihren Verbleib im Vereinigten Königreich abstimmen. Dieser Artikel liefert in drei Teilen einen Überblick über die Ursprünge der Sezessionsbewegung (1. Teil), die Konstruktion der schottischen Identität (2. Teil) und die Wahrscheinlichkeit eines unabhängigen Schottlands (3. Teil).

In den jüngsten Umfragen sprechen sich 48% der Befragten gegen die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien aus. Lediglich 42% unterstützen den Kurs der SNP. Vor dem Referendum wird es somit immer wichtiger, die noch unentschlossenen Wähler zu überzeugen. Und in der Tat konnten die Befürworter in den letzten Tagen einen deutlichen Anstieg verzeichnen, so dass spekuliert werden darf,wie knapp das Referendum tatsächlich ausgehen wird.
Letztlich dreht sich alles um die Frage, ob ein unabhängiges Schottland eigenständig existieren kann oder nicht. Und auch wenn die patriotische Stimmung innerhalb des Landes dazu führt, dass sogar die Gegner des Referendums dies bejahen würden, so ist die Realität doch weit komplexer.

1. Die Ölvorkommen gehen zur Neige, was den Verlust einer wichtigen Einnahmequelle zur Folge hat. Angesichts der hohen öffentlichen Ausgaben prognostizieren Ökonomen, dass die schottische Regierung dramatische Einschnitte im Sozialbereich vornehmen muss, um einen eigenständigen Staat erhalten zu können.

2. Die Wirtschaft Schottlands produziert vorrangig für den britischen Markt. London betont jedoch, dass ein unabhängiges Schottland keine Sonderkonditionen erhalten wird, was zu einer deutlichen Verteuerung schottischer Exportgüter führen wird. Es ist somit nicht überraschend, dass insbesondere schottische Unternehmer zu den größten Kritikern des Referendums zählen.

3. Die SNP spekuliert darauf, dass Schottland weiterhin die britische Währung nutzen kann. Dies wird jedoch von der britischen Zentralbank kategorisch abgelehnt. Eine eigene Währung kann jedoch mit dem britischen Pfund nicht konkurrieren und auch ein Beitritt zur EU und dem Euroraum, was die proeuropäische SNP als Notlösung betrachtet, kann am bereits signalisierten Widerstand anderer EU Staaten scheitern. Denn vor allem Spanien und Belgien sind nicht bereit ihre eigenen innerstaatlich agierenden sezessionistischen Gruppen durch die Unterstützung Schottlands weiter zu motivieren.
Letztendlich rächt sich aber die SNP Politik selbst. Denn die von ihr gepflegte schottische Identität lebt von der Abgrenzung zum englisch dominierten Großbritannien. Die Vorstellungen der schottischen Regierung von einem unabhängigen Staat sehen aber unter anderem den Erhalt der Monarchie, der Währung, der BBC und den Verzicht der Grenzkontrollen vor. Aber inwieweit hat sich Schottland losgelöst, wenn in London beispielsweise weiterhin die Richtlinien der Währungspolitik gesetzt werden, nur eben dann ohne den direkten Einfluss schottischer Abgeordneter?
Um das Referendum erfolgreich zu bestehen muss die SNP an die normative Ebene der Wähler appellieren, um zu garantieren, dass die Entscheidung aufgrund des Gefühls heraus „Schotte“ zu sein erfolgt. Denn die rationale Debatte über die Zukunft Schottlands anhand harter ökonomischer Fakten scheint bisher nicht zu ihren Gunsten zu verlaufen.

L. Sebastian Trept ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Er beschäftigt sich unter anderem mit Sezessionsbewegungen in westlichen Demokratien.

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