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Störche, die die Welt verändern

Ein Gespräch mit Adriana Radu über die leise Revolution sexueller Aufklärung in Rumänien

 

Adriana Radus Enthusiasmus ist ansteckend. Ihr Ziel: sexuelle Aufklärung in Rumänien in den Mainstream katapultieren. Das Thema Sexualität enttabuisieren. Ihr Instrument überraschenderweise: Geduld. Denise Rothdiener sprach mit Adriana Radu über ihr Projekt zur sexuellen Aufklärung in Rumänien SEXUL vs BARZA.

 

Adriana, die Feministin in dir will ich zunächst fragen: Hattest du eine Art feministisches Erweckungserlebnis, ein feministisches Coming Out?

Ich habe einfach durch viel Beobachtung und durch das Lesen feministischer Texte gemerkt: es gibt nicht immer Gerechtigkeit für Frauen und Mädchen. Es gibt viele Arten sich zu engagieren, aber für mich ist mit der Zeit die Sache mit der sexuellen Aufklärung am wichtigsten geworden.

SEXUL vs BARZA heißt dein Video-Projekt zur sexuellen Aufklärung. Für alle, die wie ich kein Rumänisch sprechen: was bedeutet der Name?

Es heißt „Sex versus Storch“.

Wunderbar! Was genau passiert da, welche Themen behandelt ihr genau?

SEXUL vs BARZA ist ein Online-Projekt im Video-Blogging-Format zu sexuellen Aufklärungsthemen. Das Spektrum umfasst sowohl klassische Themen, wie Körper oder Verhütung, aber auch LGTBQ-Themen beispielsweise. Insgesamt ist das Projekt immer feministisch. Aktuell sprechen wir viel über den Körper, gerade haben wir ein Video über die Vulva gemacht, und werden auch ein Video über die Anatomie der Klitoris veröffentlichen. Ich glaube, was uns unterscheidet in dieser Arbeit hier in Rumänien ist einmal, dass es ein Videoprojekt ist – etwas Vergleichbares gibt es hier nicht – dann, dass es ein feministisches Projekt ist und, dass wir auch LGTBQ-Themen behandeln.

Wie kam es zu dem Projekt um Sex und Störche?

Es gab in Rumänien den Projektwettbewerb, “ReStart Romania – dabei ging darum, mit einer guten Idee ein Problem in Rumänien irgendwie zu verbessern. Da habe ich mitgemacht und das Projekt war unter den drei Gewinnern. Auf diese Weise hatte ich eine kleine Finanzierung, um das Projekt zu starten. Mittlerweile ist das Projekt gewachsen und ich kann das auch alles nicht mehr alles alleine machen. Ich habe einige andere Leute, die mich unterstützen, z.B. mit dem Inhalten, da hilft mir ein Mädchen, die Sexualität & Gender in Amsterdam studiert hat, eine Gymnasiallehrerin, die den Content pädagogisch überprüft und aufbereitet und dann gibt es noch Leute, die mir mit dem Videodreh helfen, bei der Website und mit Facebook beispielsweise. Fast alle sind hier vor Ort in Bukarest, aber gleichzeitig können wir alles online machen. Das ist mir auch wichtig, flexibel zu bleiben, da ich ja auch nicht immer da bin und ich möchte auch nicht immer in Rumänien sein. Eine aus unserem Team wird auch demnächst nach Irland gehen. Das ist ja aber kein Problem. Ein Online-Projekt gibt mir die Freiheit etwas in Rumänien zu verbessern, aber nicht unbedingt vor Ort sein zu müssen.

Die Diskrepanz zwischen Sexualität als grundsätzliches Tabuthema einerseits und sexueller Ausbeutung anderseits scheint groß – wie siehst du das von Rumänien aus?

Ich glaube sehr viele Leute in Rumänien betrachten sowohl sexuelle Ausbeutung, Prostitution als auch sexuelle Aufklärung von außen. Alles ist tabu hier.

Hast du das Gefühl, dass sich seit dem EU-Beitritt 2007 etwas verändert hat hinsichtlich des Umgangs mit Sexualität?

Gar nicht. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem EU-Beitritt und einer Veränderung dieses Themas. Der Menschenhandel hat eine Tradition wie die sexuelle Aufklärung auch, aber mit dem EU-Beitritt hat sich da nichts geändert. Zur Tradition der sexuellen Aufklärung muss man wissen, dass Sexualität im Kommunismus sehr eng mit Mutterschaft und mit Pflicht verbunden war. Abtreibungen waren während des Kommunismus in Rumänien verboten. Nach der Wende gab es auch keinen wirklichen Versuch diese Situation zu verbessern, daher ist Sexualität an sich immer noch so ein Tabu geblieben, das hat sich so durchgezogen. Es gab ein paar Versuche sexuelle Aufklärung als Fach in die Schule zu bringen, aber es ist nach wie vor kein Pflichtfach. Man kann es wählen, das müssen die SchülerInnen bzw. die Eltern dann aber aktiv anmelden. Religion ist auch kein Pflichtfach, aber wenn man das nicht besuchen will, müssen Eltern ihre Kinder abmelden – das ist der Unterschied. Und klar sind es auch nur wenige Schulen, die das anbieten und natürlich haben auch gar nicht alle LehrerInnen das Wissen, dass sie das leisten könnten.

Und bekommt ihr unter diesen Umständen die Themen zu den entsprechen Leuten? Wie schafft ihr es die Leute zu erreichen, die diese Aufklärung auch brauchen und nicht nur die Szene, die ohnehin Bescheid weiß?

Da ist tatsächlich so. Ich habe viele positive Rückmeldungen aus der Szene, die uns unterstützen und die die Entwicklung des Projekts verfolgen. Aber die Zielgruppe, das sind die 14-19-Jährigen, die haben wir noch nicht genügend erreicht. Und um die wirklich zu erreichen, müssen wir noch mehr zu ihnen gehen – da habe ich gerade verschiedene Ideen. Zum einen arbeiten wir mit Biblionet zusammen. Das ist ein Netzwerk von Bibliotheken in Rumänien, die dank einer Stiftung gerade modernisiert werden, d.h. sehr viele Bibliotheken haben beispielsweise Computer bekommen. Dadurch ist dann das Netzwerk entstanden, mit denen wir nun eine Kooperation haben und versuchen SEXUL vs BARZA in Bibliotheken zu promoten. Schwieriger ist es, wie gesagt, direkt an die Schulen heranzutreten. Aktuell bin ich gerade dran, die Videos in ein paar Kinos in Bukarest zu bekommen, um auch wirklich Jugendliche und Schulklassen zu erreichen. Kinos sind cool und Jugendliche gehen gerne ins Kino. Im Herbst möchten wir damit starten und ich hoffe wirklich sehr, dass es klappt. Denn ich glaube, es ist wichtig, dass Jugendliche sehen, dass man darüber in der Öffentlichkeit sprechen kann: Wir sind im Kino, schauen uns einen Film über eine Vagina beispielsweise an, danach reden wir darüber und es ist okay, es ist in Ordnung das zu machen.

Habt ihr Rückmeldungen, d.h. kommen Jugendliche auf euch zu und sagen, hey, ich hab den Clip gesehen und fand ihn super, aber wie war das nochmal mit der Verhütung, könnt ihr da nicht noch einen Film machen….?

Nein, leider noch nicht derzeit, obwohl ich es mir wünsche. Wir haben aber eine andere Brücke geschaffen: Alles Materialien, die wir schreiben, werden von ÄrztInnen korrigiert. Das ist wichtig; in Deutschland gibt es z.B. den Beruf SexualpädagogIn – das gibt es in Rumänien nicht. Ich könnte sagen, dass ich mich gerade selbst zur Sexualpädagogin ausbilde oder so…(lacht)…aber das zählt ja nicht… es muss Leute geben, die das professionell korrigieren und gegebenenfalls auch Fragen beantworten, die unter unserer Email-Adresse eingehen. Dahin können die Jugendlichen sich wenden und Fragen stellen. Da machen sie ein bisschen mit. Fakt ist: Sie haben Fragen. Allerdings nicht so direkt, das kann man gut sehen auf der Facebook-Seite. Dort gibt es ein bisschen Interaktion aber ich merke, dass das tatsächliche in Kontakt treten schwierig ist. Meine Vermutung ist, dass sie was wir posten sehen, aber das eher passiv verfolgen. Auch ein like oder gar ein Kommentar wäre vielleicht zu viel.

Da ist die Scham noch sehr groß….

Ja, das stimmt, die Scham ist noch sehr groß darüber zu sprechen. Wir müssen echt Geduld haben, was das angeht. Und das haben wir auch. Es enttäuscht mich nicht mehr so sehr, dass die Jugendlichen nicht soviel reagieren. Das war am Anfang so, aber mittlerweile weiß ich besser Bescheid und ich denke, sie sind präsent, aber trauen sich noch nicht zu reagieren.

Ich spekuliere einfach mal, dass ihr um euch herum nicht nur FreundInnen habt. Ein Shitstorm löst sich ja schon bei viel seichteren Themen und daraus können ja auch ganz reale Bedrohungen wachsen. Mit was für Problemen seid ihr denn konfrontiert?

Als wir zum ersten Mal öffentlich darüber gesprochen haben, war es ganz neu für mich, dass ich so ein bisschen angegriffen werde. Jetzt bin ich bereits daran gewöhnt und ich weiß jetzt, dass es in jedem Land und an jedem Ort auf der Welt so sein wird. Es wird Leute geben, die für sexuelle Selbstbestimmung sind und es wird sehr konservative Leute geben, die sagen werden: „Nein, darüber kann man doch nicht sprechen , es ist eine Sünde darüber zu sprechen usw.“ Wir hatten so ein paar negative Stimmen von rechtsextremen und auch religiös-orthodoxen Gruppierungen in Rumänien. Ich glaube, mittlerweile habe ich gelernt, dass diese nur die Spitze sind, eine schwarze Spitze in der grauen Mehrheit in Rumänien. Sie machen mir weniger Angst. Ja, ich weiß, dass sie nicht meine Feinde sind. Meine eigentliche Arbeit ist die Mehrheit anzusprechen. Ich möchte mich auf diese Leute, die extrem sind, nicht so sehr konzentrieren, weil es mir nichts bringt. Ich bin froh, dass ich meine Rolle gefunden habe, sie verwirren mich nicht mehr soviel wie am Anfang.

Das ist bewundernswert, Adriana, deine Haltung, dein Idealismus und dein Engagement sind beeindruckend.

Oh, danke dir. Ich musste erst an den Punkt kommen und die Erfahrungen aus der Anfangsphase des Projekts verarbeiten. Und nun freue ich mich, dass ich an diesem Punkt bin.

Was ist denn dein Ziel für die nächsten Jahre? Was möchtest du gerne mit deinem Engagement erreichen?

Ich möchte, dass SEXUL vs BARZA ein bisschen so „household-name“ wird und dass Jugendliche es als zuverlässige Quelle betrachten. Ich denke nicht klein! Ich möchte, dass Jugendliche wissen, dass es Bravo gibt, aber, dass es auch SEXUL vs BARZA gibt und dass es Teil ihres allgemeinen Wissens und ihrer Popkultur, die sie konsumieren, ist. Ich habe sehr idealistisch angefangen, wollte ganz viele Sachen ändern und so. Und nun sehe ich, dass man in der Tat eigentlich viel Geduld haben muss und da bin ich momentan: ich habe die Geduld. Aktivismus interessiert mich momentan nicht so sehr, auch nicht mich hinsichtlich sexueller Aufklärung in Schulen zu engagieren, weil ich glaube, es gibt ja schon Leute, die das machen und insgesamt ist es ein sehr langer Prozess und das würde mir sehr viel Kraft rauben. Deshalb fokussiere ich mich auf das Projekt derzeit. – Also ich werde immer da sein, wenn es darum geht Position zu beziehen, aber ich möchte nicht so aktiv so Activism-Sachen machen gerade.

Abschließender Exkurs für unsere LeserInnen: wie steht es mit der Queerness in Bukarest?

Gute Frage, also ich habe selbst in den letzten Jahren nicht so viel Zeit in Bukarest verbracht, aber es gibt auf jeden Fall viele queer-und gayfriendly Bars und Clubs, wo man hingehen kann. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Situation langsam besser wird und dass man sich als queer-Frau sicherer in Bukarest fühlen kann. Es ist aber auch hier so, dass es Queer-Inseln gibt, die du nicht sofort finden kannst.

 

Adriana Radu wurde 1989 in Olteniţa, einer kleine Stadt in der Nähe von Bukarest geboren. Sie begann ihr Studium in Bukarest, ging dann nach Frankreich, wo sie Germanistik und Französische Literaturwissenschaften studierte. Sie arbeitete als Sprachassistentin in Deutschland und absolvierte verschiedene Praktika, zuletzt bei Pro Familia und beim Rundfunk in Bukarest. Im Oktober 2012 startete sie im Rahmen des Wettbewerbs „ReStart Romania“ die sexuelle Aufklärungskampagne für Jugendliche SEXUL vs BARZA.