Two-Spirits bei den Native Americans

Frauenmänner – Männerfrauen. Two-Spirits bei den Native Americans

Ein Interview mit Dr. Sabine Lang

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Two Spirits zu beschäftigen?
Ich war ab Anfang der 1980er-Jahre einige Zeit in der Hamburger Lesben- und Schwulenbewegung aktiv, unter anderem in einer Beratungsstelle namens „Intervention“. Ende der 1980er-Jahre suchte ich nach einem Thema für meine Doktorarbeit im Fach Ethnologie. Mich interessierte generell, wie in anderen Kulturen mit Homosexualität umgegangen wird, aber ich tat mich mit der Themenwahl schwer.
Mein künftiger Doktorvater hatte schließlich die Idee, dass ich das Phänomen des so genannten „Berdache“ in indigenen Kulturen Nordamerikas untersuchen könnte, da ich mich auf diese Region spezialisiert hatte. (Zu „Berdache“ Näheres unter Frage 2.) Dabei handelt es sich um Menschen, die in der Rolle des „anderen“ biologischen Geschlechts leben und häufig (aber keineswegs immer, wie sich im Laufe meiner Recherchen herausstellte) Beziehungen zu biologisch gleichgeschlechtlichen Partner/innen eingehen. Je weiter ich mich in das Thema einarbeitete, desto klarer wurde mir, dass ich es nicht mit „Homosexualität“ in dem Sinne zu tun hatte, wie diese in unserer Kultur definiert wird, sondern mit Konstruktionen des sozialen Geschlechts (gender), die sich sehr von unserer eigenen unterscheiden – Systeme von mehr als nur zwei Geschlechtern, in denen Homosexualität ganz anders definiert wird als in der westlichen Kultur. Was die Selbstwahrnehmung der „Berdaches“ angeht, so gibt es hierüber so gut wie keine Untersuchungen. Vom Erscheinungsbild her ähnelt das Phänomen viel eher dem, was heute als Transgender bezeichnet wird, als westlichen Definitionen von Homosexualität. Auch das trifft den Kern der Sache aber wohl nicht ganz, da die Betonung generell nicht auf „trans“ lag, sondern auf einer harmonischen und teilweise spirituell potenten Kombination von männlichen und weiblichen Eigenschaften, entsprechend den Definitionen dieser Eigenschaften in den jeweiligen Kulturen.
Auch mit der vermeintlichen „Homosexualität“ ist es so eine Sache. Ein unvoreingenommener Blick auf die Quellen zeigt nämlich, dass „Berdaches“ mitnichten immer Beziehungen zu (biologisch) gleichgeschlechtlichen Partner/innen eingingen.

Was genau bedeutet „Two Spirits“ und wer verbirgt sich dahinter?
Die Bezeichnung „Two-Spirit“ wurde Ende der 1980er-Jahre auf einem Treffen geschaffen, an dem vor allem lesbische und schwule Native Americans teilnahmen. Die in der ethnologischen Literatur verwendete Bezeichnung „Berdache“ war bei diesen in Ungnade gefallen, weil sie sich ursprünglich von einem arabischen Wort für „Lustknaben“ oder männliche Prostituierte herleitet. In die Forschungsliteratur wurde sie von frühen französischen Forschungsreisenden eingeführt, die in indigenen Kulturen Nordamerikas auf biologische Männer in einer weiblichen sozialen Rolle stießen. Ab dem frühen 20. Jahrhundert übernahmen Ethnolog/innen diesen Terminus. Er hatte in der Fachliteratur nicht mehr die Konnotation des ursprünglichen arabischen Wortes, sondern war zu einem Fachbegriff geworden, der sich im Wesentlichen nicht-wertend auf Menschen in indigenen Kulturen Nordamerikas bezog, die in der Rolle des „anderen“ Geschlechtes lebten. Nichtsdestoweniger fanden lesbische und schwule Native Americans die Bezeichnung aus einleuchtenden Gründen unpassend und diskriminierend. Auf der Suche nach einer passenden Eigenbezeichnung kamen die Teilnehmer/innen des Treffens auf das englische Wort „Two-Spirit“. Sie nehmen darin Bezug auf die Kombination von Weiblichkeit und Männlichkeit bei den „Fraumännern“ (Männer in einer weiblichen Rolle) und „Mannfrauen“ (Frauen in einer männlichen Rolle) (diese Bezeichnungen verwende ich für gewöhnlich, wenn ich über das Thema rede oder schreibe, da sie rein deskriptiv und nicht ideologisch belastet sind) der indigenen Kulturen, in deren Tradition sie sich sehen.
LGBT haben heute in den indigenen Gemeinschaften einen schweren Stand, wohingegen die Fraumänner und Mannfrauen früherer Zeiten häufig aufgrund ihrer Vereinigung von Weiblichkeit und Männlichkeit Ansehen genossen und ihnen bisweilen besondere Fähigkeiten zugesprochen wurden. Der Rückbezug heutiger indigener LGBT auf diese „traditionellen“ Rollen hat also auch politische Gründe und zielt darauf, mehr Akzeptanz in den Native American communities zu schaffen. Ein Problem dabei ist jedoch, dass diese traditionellen Rollen in vielen indigenen Gesellschaften heute ebenfalls kein Ansehen mehr genießen und bisweilen sogar geleugnet wird, dass es „solche Leute“ jemals in den betreffenden Kulturen gegeben habe.
Inzwischen ist Two-Spirit – ähnlich wie die in der Literatur mittlerweile obsolete Bezeichnung „Berdache“, die der Terminus abgelöst hat – zu einem Sammelbegriff für unterschiedlichste sexuelle Identitäten und Geschlechtszugehörigkeiten geworden. Die Bezeichnung umfasst heutige lesbische und schwule Native Americans; die traditionellen Rollen von Mannfrauen und Fraumännern in indigenen Kulturen Nordamerikas, aber auch in indigenen Kulturen anderswo; Cross-Dresser, Transsexuelle und Transgenders; und drag queens und butches.
Heutige Mannfrauen und Fraumänner – von denen es nur noch wenige gibt, die in traditionell ausgerichteten Familien akzeptiert und in ihre spezielle Rolle hinein erzogen wurden – unterscheiden zwischen ihrer Identität und denjenigen von LGBT. Da beispielsweise Beziehungen zwischen Fraumännern und Männern in ihren jeweiligen Kulturen nicht als homosexuell gelten, sondern aufgrund der unterschiedlichen sozialen Geschlechtszugehörigkeit der Partner/innen als „quasi-heterosexuell“, mögen Navajo-nádleeh, Shoshone-tainna wa’ippe etc. nicht gerne als „gay“ klassifiziert und bezeichnet werden. Als transgender identifizieren sie sich jedoch auch nicht, ebenso wenig als Männer oder Frauen, sondern als Angehörige eines separaten, eigenständigen Geschlechtes, dessen wesentliches Merkmal eine vor allem geistige Kombination von Weiblichkeit und Männlichkeit ist. In der Regel fühlen sie sich unter dem Oberbegriff Two-Spirit durchaus gut aufgehoben, legen aber Wert auf ihre Besonderheit.

In welchen Stämmen der Native Americans gibt es Two Spirits?
Das ist aufgrund der sehr unterschiedlichen historischen und ethnologischen Dokumentation schwer exakt zu sagen. Der amerikanische Historiker Will Roscoe unternahm Mitte der 1980er-Jahre entsprechende Recherchen und listet in einem Beitrag zu der von der Organisation Gay American Indians herausgegebenen Anthologie “Living the Spirit” (1988) 133 nordamerikanische Ethnien auf, in denen er Hinweise auf Mannfrauen und Fraumänner fand. Auf eine fast identische Zahl kam ich auch in meiner Dissertation, es ist aber sehr gut möglich, dass der Geschlechtsrollenwechsel – wie ich es in meiner Dissertation genannt habe – noch weiter verbreitet gewesen ist. Räumlich war das Phänomen auf dem ganzen nordamerikanischen Subkontinent verbreitet. Ich schreibe „war“, weil Mannfrauen und Fraumänner in einem gesellschaftlich definierten und akzeptierten Status heute aus den indigenen Kulturen Nordamerikas so gut wie verschwunden sind, und zwar (wie mir geschichtlich versierte Two-Spirit-Gewährsleute bei meiner Feldforschung erzählten) spätestens seit den 1930er- und 1940er-Jahren. Die Ursachen dafür liegen in 500 Jahren Kolonialismus und Zwangsakkulturation, dem Einfluss von Missionaren (heute ist dies vor allem eine sehr aggressive Missionierung durch Evangelikale, auch auf den Reservaten, wo sich durchaus Menschen zu fundamentalistischen religiösen Vorstellungen „bekehren“), staatlichen Internaten, in die indigene Kinder zwangsweise verbracht und in denen sie physisch und psychisch schwer misshandelt wurden, und sicherlich auch in der anhaltenden Homophobie der U.S.-amerikanischen Gesellschaft. Die Ureinwohner/innen haben auch heute noch einen schweren Stand und sind vielfältigen Diskriminierungen durch die dominante „weiße“ Bevölkerung ausgesetzt; da wollen sich beispielsweise die Stammesregierungen nicht dadurch angreifbar machen, dass sie „perverses“ Verhalten auf den Reservaten befürworten.

L. Frank Martinez fotografiert von Michael Dvorak für die Reihe "Two-Spirit" ©Michael Dvorak

L. Frank Martinez fotografiert von Michael Dvorak für die Reihe “Two-Spirit”
©Michael Dvorak

Welche Rolle hatten sie den jeweiligen Stämmen/Gesellschaften?
Das ist offenbar sehr unterschiedlich gewesen. Sowohl (vor allem schwule) weiße Forscher, die sich mit dem Thema befasst haben, als auch heutige indigene LGBT neigen zu Verallgemeinerungen, denen zufolge vor allem Fraumänner universal in den „traditionellen“ Gesellschaften höchstes Ansehen genossen haben und Rollen innehatten, die aufgrund ihrer durch die Kombination von Weiblichkeit und Männlichkeit bedingten besonderen spirituellen Kraft von zentraler Bedeutung für ihre jeweilige Gruppe waren.
Bei einem unvoreingenommenen Blick auf die Quellen stellt sich das Bild etwas nüchterner und differenzierter dar. In manchen Gruppen hatten Mannfrauen und Fraumänner zwar einen festen, akzeptierten Platz in der Gesellschaft, aber keine speziellen Rollen und galten nicht als besonders spirituell gesegnet. In anderen wirkten sie als Medizinleute/Heiler/innen, übten – im Falle von Fraumännern – als weiblich definiertes Kunsthandwerk aus (Perlenstickerei, Keramik, Korbflechterei), in einigen Gesellschaften fungierten Fraumänner als Totengräberinnen. Mannfrauen gingen männlichen Tätigkeiten wie Jagd und Krieg nach. Bei den Lakota galt es als glücksbringend, wenn winkte (Fraumänner) Kindern einen Namen gaben. In einigen Gruppen, etwa bei den Cheyenne und Omaha auf den Plains und den Navajo (Diné) im Südwesten, waren Fraumänner als Heiratsvermittler gefragt, da sie sich aufgrund ihrer „Zweigeschlechtlichkeit“ in beide potenziellen Eheleute einfühlen konnten. Interessanterweise lassen sich viele Rollen, die in der Literatur als Fraumännern vorbehalten beschrieben werden, letztlich dem Tätigkeitsbereich der Frauen in der jeweiligen Kultur zuordnen und umgekehrt.
Heute sind männliche (schwule) Two-Spirits – wie mir meine Gewährsleute erzählten – oft in fürsorgenden Berufen tätig, beispielsweise als Krankenpfleger. Die Rolle sowohl weiblicher, als auch männlicher Two-Spirits als Fürsorger/innen (caregivers) von Alten oder Kindern aus der engeren oder weiteren Familie wird in einer neueren amerikanischen Studie hervorgehoben. Diese Tätigkeiten führen dazu, dass Two-Spirits in ihren Gemeinschaften positiv wahrgenommen werden und Wertschätzung erfahren. Andere weibliche Two-Spirits haben eine Vorliebe für „typische Männerberufe“ wie Bauarbeiter oder Feuerwehrmann (z.B. bei der gefährlichen Bekämpfung der großen Waldbrände, die in den Wäldern des Westens immer wieder auftreten) und sollen früher auch gerne den Beruf des Cowboys ausgeübt haben.

Gibt es Unterschiede zwischen „weiblichen“ und „männlichen“ Two Spirits? (z.B. Sichtbarkeit, Diskriminierung, Respekt)
Ein Unterschied, den weibliche Two-Spirits (also lesbische Native Americans) mir gegenüber in Gesprächen immer wieder hervorhoben, ist die Diskriminierung. Sie sagten mir, dass sie in der dominanten Gesellschaft dreifacher Diskriminierung ausgesetzt seien, nämlich als Native Americans, Frauen und Lesben. Diskriminierung in den indigenen communities erleben männliche und weibliche Two-Spirits gleichermaßen, das Gleiche gilt für Diskriminierung durch die „weiße“ Gesellschaft. In urbanen, „pan-indianischen“ Zusammenhängen sind männliche und weibliche Two-Spirits gleichermaßen sichtbar, so etwa bei der Gay Pride Parade in San Francisco oder bei Two-Spirit Gatherings in den USA und Kanada, bei denen vor allem städtische Lesben und Schwule (seltener Transgenders) aus verschiedensten Ethnien zusammenkommen. Gleichermaßen unsichtbar sind männliche und weibliche Two-Spirits (vor allem im Sinne von Lesben und Schwulen) auf den Reservaten, wo ein Coming-Out häufig nicht möglich ist. Lesbische und schwule Beziehungen werden dort zwar gelebt, aber eher im Verborgenen. Wie mir meine Gesprächspartner/innen erläuterten, hat das nicht unbedingt mit Diskriminierung zu tun, sondern hängt auch damit zusammen, dass es in vielen Native American communities generell als unschicklich gilt, Persönliches nach außen zu kehren und sich dadurch vom Rest der Gemeinschaft abzuheben. Wer sich ein offenes LGBT-Leben nach „weißem“ Vorbild wünscht, weicht deshalb häufig in die Städte aus.

Können Sie bekannte Two-Spirit-Frauen kurz vorstellen?
Zu bekannten Two-Spirit-Frauen gehören:
Erna Pahe (Navajo), eine der Mitbegründerinnen der Organisation Gay American Indians in San Francisco (1975). Erna gehört damit zur ersten Generation von Two-Spirit-Aktivist/innen in den USA. Sie setzt sich nicht nur für die Rechte von Two-Spirits ein, sondern auch für diejenigen von Native Americans im Allgemeinen. Zur Zeit meiner Feldforschung hat sie sich u.a. sehr für Aufklärung über HIV/AIDS auf Reservaten und in städtischen indigenen communities engagiert.
Beverly Littlethunder (Lakota), die Gründerin des Womyn’s Sun Dance. Dabei handelt es sich um eine Zeremonie, die auf dem Sonnentanz der Plains-Ethnien aufbaut und sich speziell an lesbische Native Americans und andere women of color richtet. Beverly rief die Zeremonie Mitte der 1980er-Jahre ins Leben, weil sie und ihre damalige Partnerin aufgrund ihrer lesbischen Beziehung vom Sonnentanz auf einem Reservat ausgeschlossen wurden. Der Womyn’s Sun Dance, an dem ich zwischen 1992 und 2000 viermal teilgenommen habe (allerdings nicht als „Tänzerin“, das ist nur women of color gestattet), existiert bis heute. Wie der herkömmliche Sonnentanz hat er, vereinfacht ausgedrückt, die spirituelle Erneuerung von Mensch und Natur zum Ziel.
Die Dichterin Chrystos (Menomini). Manche ihrer Gedichte sind äußerst sinnlich, andere prangern gesellschaftliche Missstände an, so etwa den andauernden Rassismus, die Auswirkungen von jahrhundertelangem Kolonialismus und Zwangsakkulturierung und die nach wie vor existierende Diskriminierung von Native Americans im Allgemeinen und indigenen Frauen/Lesben im Besonderen.
Außerdem: die Autorinnen Beth Brant (Mohawk), Paula Gunn Allen (Laguna Pueblo), Janice Gould (Maidu).

Mit welchen Problemen haben Two Spirits gegenwärtig zu kämpfen? Welche Rolle spielt dabei der andauernde Kolonialismus?
Generell haben Two-Spirits mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie heterosexuelle Native Americans, und der andauernde Kolonialismus spielt dabei natürlich eine entscheidende Rolle. Die Lebensbedingungen auf den meisten Reservaten (mit Ausnahme einiger weniger, die es durch die Einrichtung von Spielkasinos zu mehr oder weniger Wohlstand gebracht haben) sind nach wie vor von Armut und Perspektivlosigkeit geprägt. Es gibt hohe Raten häuslicher Gewalt, hohe Selbstmordraten und große Probleme mit Alkohol und anderen Drogen (z.B. Crystal Meth). In der dominanten Gesellschaft sind die amerikanischen Ureinwohner/innen noch immer Diskriminierungen ausgesetzt. In Kanada haben sich zwar die Regierung und einige kirchliche Träger der Internate, in denen indigene Kinder früher zwangsakkulturiert und misshandelt wurden, entschuldigt, und es wurde ein Entschädigungsfonds eingerichtet. Generell erleben Native Americans/First Nations aber, dass sich ungeachtet mancher Lippenbekenntnisse an ihrer alltäglichen Situation nichts oder nicht viel ändert. Bei Two-Spirits kommt erschwerend noch Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung hinzu (oder, besonders im Falle von Mann-zu-Frau-Transgenders, ihrer Femininität), und zwar nicht nur seitens der „weißen“ Gesellschaft, sondern auch seitens der indigenen Gemeinschaften auf den Reservaten und in den Städten selbst. Das kann zu gewalttätigen Übergriffen und sogar zu Mord führen, wie im Falle des 16-jährigen Navajo-Transgender/nádleeh Fred Martinez, der 2001 von einem weißen jungen Mann totgeschlagen wurde. Sein Schicksal und dessen Hintergründe sind Gegenstand des Dokumentarfilmes Two Spirits (2011). Ein weiteres Problem und Gegenstand von Diskriminierung ist HIV/AIDS. Ich habe wiederholt erlebt und/oder erzählt bekommen, dass an AIDS erkrankte schwule Two-Spirits zum Sterben auf das Reservat ihrer Gruppe zurückkehren wollten, dort aber wieder und wieder abgewiesen wurden.
Lesben wiederum sehen sich zusätzlich noch als Frauen Diskriminierungen ausgesetzt, und zwar nicht nur in der „weißen“ Gesellschaft, denn indigene Kulturen Nordamerikas sind ja keineswegs „Macho-freie Zonen“. Über das Macho-Gebaren und die Homophobie heterosexueller männlicher Mitglieder des American Indian Movement wurde von Lesben, mit denen ich sprach, gespottet, es war ihnen aber doch auch ein großes Ärgernis.

Travis Goldtooth fotografiert von Michael Dvorak für die Reihe "Two-Spirit"; ©  Michael Dvorak

Travis Goldtooth fotografiert von Michael Dvorak für die Reihe “Two-Spirit”; © Michael Dvorak

Welche Rolle spielt der indigene Feminismus bei der Two-Spirits-Bewegung?
Es gibt Verbindungen zum indigenen Feminismus bzw. zum Feminismus von women of color im Allgemeinen. Dies wird schon früh sichtbar, so in Beiträgen lesbischer Native Americans zu Klassikern wie der Anthologie “This Bridge Called My Back” aus den 1980er-Jahren. Die Aspekte, die in diesen Schriften hervorgehoben werden, spielen bis heute bei indigenen lesbischen Frauen eine Rolle: Zusammenhänge zwischen Rassismus, Sexismus, Heterosexismus und Klassengegensätzen. Interessant fand ich hierbei die Prioritäten in der Identität von Frauen, mit denen ich sprach: Sie sahen sich in erster Linie als Native Americans, dann als Frauen, und erst danach kam ihre sexuelle Orientierung. Hierbei spielte Solidarität mit schwulen Native Americans eine Rolle, aber auch mit heterosexuellen angesichts der gemeinsamen jahrhundertelangen Diskriminierungserfahrungen, die ungeachtet der sexuellen Präferenz als prägend und verbindend empfunden werden. Vor diesem Hintergrund schien den meisten Frauen, mit denen ich sprach, lesbischer Separatismus, wie er in „weißen“ Zusammenhängen bisweilen propagiert und praktiziert wird, absurd. Insbesondere das Bewusstsein für Rassismus – sowohl in der dominanten Gesellschaft, als auch in lesbischen Zusammenhängen – war bei meinen Gesprächspartnerinnen sehr ausgeprägt. Bei manchen ging das so weit, dass sie (teils aufgrund schlechter Erfahrungen) keine Partnerbeziehungen zu weißen Frauen mehr eingingen. Das hatte nicht nur mit „negativer“ Diskriminierung zu tun, sondern auch mit „positiver“, nämlich einer Verklärung und Romantisierung der „indianischen“ Frauen durch ihre weißen Partnerinnen, die von Chrystos in ihrem Gedicht „I am not your Princess“ kritisiert wird, weil sie die Lebenswirklichkeit und Probleme lesbischer Native Americans ausblendet und sie sämtlich zu romantischen Projektionen der weißen Partnerinnen, zu „Indian Princesses“, Schamaninnen usw. erhebt. Mein Eindruck ist, dass sich lesbische Native Americans eher mit Ansichten und Organisationen anderer women of color identifizieren können als mit „weißen“ Lesben und Feministinnen, von denen sie sich bisweilen bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls diskriminiert oder verzerrt wahrgenommen fühlen..

Gibt es Verbindungen, Kooperationen mit der „weißen“ LGBTQI-Bewegung?
Auch diese gibt es, sie sind jedoch nicht ganz spannungsfrei. Es gibt seit einiger Zeit in einigen größeren Städten der USA und Kanadas Two-Spirit-Organisationen. Dort liegt der Schwerpunkt auf einer spezifisch „indianischen“, vor allem schwul-lesbischen Identität, die in „pan-indianischen“ (also nicht an eine spezifische Stammeszugehörigkeit gebundenen) Symbolen und Aktionen (ritueller Abbrennen von Beifuß, LGBTQ-Powwows…) ausgedrückt wird. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen dabei einige wenige, inzwischen ältere Fraumänner, die es heute noch gibt und die bisweilen an Two-Spirit-Veranstaltungen teilnehmen. Sie genießen an Verehrung grenzenden Respekt, da sich heutige Two-Spirits auf diese traditionellen Rollenvorbilder berufen. Einmal jährlich treffen sich Vertreter/innen solcher Organisationen, aber auch andere Two-Spirits, bei großen so genannten Two-Spirit Gatherings an wechselnden Orten in den USA und Kanada zum Erfahrungsaustausch. Bei den Treffen, an denen ich teilnahm, ging es auch vor allem um Findung und Ausdruck einer spezifisch „indianischen“, vor allem schwulen und lesbischen Identität, das Verhältnis zur „weißen“ LBGTQI-Bewegung spielte kaum eine Rolle. Dieses Verhältnis ist meiner Einschätzung nach zwiespältig. Auf der einen Seite wird insbesondere die „weiße“ schwule Kultur von männlichen Two-Spirits oft als rassistisch beschrieben. Trotzdem existiert eine Zusammenarbeit mit der „weißen“ LGBTQI-Bewegung, als auch mit LGBTQI of color, indigenen Feministinnen und in der HIV/AIDS-Bewegung. In manchen Fällen fließt auch Geld aus weißen LGBTQI-Gruppen an das Two-Spirit-Netzwerk. Insbesondere in der schwulen Subkultur und auf dem schwulen „Sex-Markt“ existieren außerdem durchaus interkulturelle Beziehungen.

Das Interview führte Jessica Bock. Sie promoviert an der ZU Dresden über „Die ostdeutsche Frauenbewegung von 1980 bis 2000 am Beispiel Leipzigs“ und begeistert sich seit Jahren für indigene Feminismen und Kulturen.

Wir danken Dr. Sabine Lang für das Gespräch und auch Michael Dvorak für die Nutzung der zwei Bilder aus seiner Serie “Two Spirit” – alle Rechte liegen beim Fotografen!