Venus Prez

Im Venus Wunderland

Ein kleiner Gedankensturm

von Saskia Lux

Fressbuden, Saufstände, klassische Dessous, Fetisch-Zubehör, Sextoys, Toiletten, Whirlpools, Massagesitze, Produktionsfirmen .Viele junge, weiße, normschlanke Cis-Frauen, die wenig bekleidet auf Bühnen und Gängen ihren Körper zur Schau stellen. Dazu ein Publikum, das gemischter ist, als ich erwartet hätte – nun, in heteronormativen Relationen.

Auf der Hauptbühne gibt es jede volle Stunde eine Show. Von der VIP-Bühne aus darf ich als Presse dem Schauspiel sehr nahe beiwohnen. Während der Show fühle ich mich alles andere als wohl neben all den Menschenmassen, die mit ihren Smartphones in die Luft gestreckt sich vor die Bühne drängen, und auf eine weiße, normschlanke Cis-Frau starren, die sich tanzend – oder wie es auch zu nennen sei – ihrer spärlichen Kleidung peu à peu entledigt. Im späteren Verlauf bittet sie einen Cis-Mann auf die Bühne und lässt ihn mit einem Vibrator ihre Vagina penetrieren. Währenddessen starrt das Meer an Smartphones weiter gebannt auf die Bühne. Ich fühle mich schlecht, dass ich ebenfalls eine Kamera in den Händen halte, um diese Szene aufzunehmen. Ich bin Fotografin* und beruhige mich damit, dass ich meine Gedanken gerne mit visuellem Input untermale, und diese Form des Sex-Business ja nicht unterstütze, oder diese Frau ungewollt in die Öffentlichkeit bringe. Wahrscheinlich standen 100mal so viele Menschen vor dieser Bühne, als je Menschen diesen Eintrag lesen werden.

Nun gut. Dennoch fühlt sich diese Show für mich einfach nicht gut an. Wenn ich einer Performance von Sadie Lune beiwohne, dann fühle ich mich nicht annähernd so unwohl. Aber auch bei der Performance einer queeren Künstlerin wäre ich Zuschauerin*, Voyeuristin*, Konsumentin*.

Auf einer Sexparty empfinde ich eine Legitimation als Voyeuristin*, denn es kann sich eine Symbiose ergeben, mit Menschen mit exhibitionistischen Vorlieben. Auf der Venus jedoch fühlt sich das nicht so an. Ich weiß nicht ob es daran liegt, dass ich das Gefühl habe, auf den Gesichtern der Frauen keine Freude zu sehen. Aber ist der Spaß an einem Job eine Legitimation? Wie viele Menschen führen einen Beruf aus, der ihnen keine Freude bereitet, sondern wortwörtlich als Brotverdienst dient? Wieso assoziiere ich mit der Situation hier auch automatisch, dass die Frau bei ihrer Performance keinen Spaß hat? Vielleicht sehe ich nur, was ich sehen will. Für mich ist es schwer vorstellbar, dass ein Mensch, der in einem solchen System arbeitet wie dem der Mainstream-Pornobranche – dem ich nichts abgewinnen kann, und den ich als sehr frauen*feindlich sowie auch männer*feindlich empfinde – an der Arbeit Spaß hat. Aber eine andere Person sieht bei dem gleichen Anblick vielleicht eine Frau, die selbstbewusst und selbstbestimmt mit den Männern auf der Bühne spielt, die die Hosen an hat, und dafür sogar Geld bezahlt bekommt.

Ich gestehe auch, so voreingenommen zu sein, dass sich das Publikum der Venus für mich wie ein Meer aus Menschen anfühlt, das größtenteils ein homophobes, sexistisches und rassistisches Gedankengut pflegt. Es ist natürlich ohne jede Berechtigung meinerseits, dies anzunehmen. Es sind meine subjektiven Gefühl in dieser konkreten Situation. Aber worin besteht nun mein gefühlter Unterschied zwischen einer queeren Sexworkerin und einer Sexworkerin, die im Mainstream Pornogeschäft arbeitet, und einer selbstständigen Sexworkerin? Bei der Prostitution bedarf es ja auch keines künstlerischen Kontextes, um sie zu legitimieren. Legitimieren vor wem? Ist die Show der Frau auf der Venus-Bühne für mich nicht legitim, weil sie durch ihr Handeln ein für mich sexistische Business unterstützt?

Vielleicht sind auch nicht nur die Zuschauer mein Problem. Ich stelle mir ebensolche sexistischen und homophoben Menschen hinter der Bühne vor, die die Fäden in der Hand haben und bestimmen, wie die Show zu laufen hat. Wo bleibt dann die Freiheit der performenden Person? Persönlichkeit ist nicht gewünscht. Einfach nur Körper. Nackte Körper, die aufgeilen sollen, des Aufgeilen Willens… Klar und direkt… So wie diese Menschen meinen, wie es der durchschnittliche Cis-Mann wünscht, welcher diese Show in erster Linie konsumiert.

Vielleicht sollte ich die Performerin einfach anschreiben und sie persönlich fragen, wie sie die Situation empfindet… Vielleicht geht sie mit mir einen Kaffee trinken und sie ordnet meine verwirrten Gehirnzellen.

Queer bedeutet für mich ja eigentlich auch Akzeptanz aller Lebensentwürfe. Also folglich auch derjenigen, die sich eher an bisher vorzufindenden konventionellen konservativen Konzepten orientieren. Die Frau auf der Bühne unterdrückt ja niemanden, sondern macht nur mit in diesem System. Ich mache mit im queeren System. Wer hat das Recht der Deutungshoheit über die Rechtmäßigkeit der Systeme? Und wer bin ich zu urteilen, wer selbstbestimmt lebt und wer nicht. Ich merke ja jeden Tag selbst, wie mein unbewusstes Handeln und Denken diesem System angepasst ist. Selbst wenn ich mich mit vielen anderen Lebensentwürfen auseinandersetze, ertappe ich mich immer wieder in Denkmustern, die konventioneller Struktur sind … binär, sexistisch, rassistisch… Kakscheisze eben… also weiterdenken… und die liebe Frau von der Venus kontaktieren.