FrankfurterBuchmesse2008 -- Blog C

Warum ausgerechnet Gay Fantasy?

Gestatten, DeWinter.

Ich schreibe. Phantastik, also mit Magie und Elben und so. Ja, ich bin veröffentlicht. Der Roman heißt „Albenbrut“. Es geht um zwei verliebte Kerls –

Spätestens hier haken die Leute ein. Zwei verliebte Kerls? Wieso ausgerechnet zwei Kerls?

Nun gibt es Leute, die auch fragen, „warum ausgerechnet Fantasy?“, aber die meisten hängen sich doch an dem „gay“-Teil der Beschreibung auf. Gay Fantasy ist ein Subgenre der phantastischen Literatur – die Hetero-Variante heißt Romantasy, ein Agglomerat aus Romance (englisch für Liebesroman) und Fantasy. Gay Fantasy muss wenigstens ein bisschen Sex enthalten, und ein Happy End haben. Wie bei klassischen Liebesromanen ist der Konsum von Gay Fantasy etwas, das die meisten Leser_innen wohl lieber verschweigen, denn es werden vor allem unterhaltsame Geschichten erzählt, ohne Ambitionen auf Literaturpreise. Wobei es sich zumeist um Leserinnen zu handeln scheint, wenn ich den Autor_inn_enlisten und Rezensionen bei Amazon glauben darf.

Ich lebe derzeit in der Annahme, dass ich dem Genre ein bisschen mehr abringen konnte, als sein Ruf es vermuten lässt. Immerhin ging die drittwichtigste Rolle an eine asexuelle, aromantische Person mit weiblichen Pronomen, und am Ende ist die traute Zweisamkeit gar nicht so zwei. Jedenfalls läuft der Text bei mir als queer fantasy, aber mit „queer“ komme ich dem Großteil meiner Gesprächsparter_innen schon gar nicht, weil ich dazu erst mal den Begriff erklären muss.

Warum also ausgerechnet Gay Fantasy? Der Subtext dieser Frage lautet: Wieso kannst du nicht einfach was Normales schreiben?

Aber was ist schon normal?

Selbst wenn wir von konservativen Schätzungen laut Wikipedia ausgehen, haben wir circa 2% Schwule, etwas weniger Lesben, ungefähr 1% Bisexuelle und etwas weniger Asexuelle in diesem Land. Plus die Pansexuellen, die aber noch in keiner Statistik auftauchen, so weit ich weiß. Macht circa drei Prozent der Bevölkerung, die offen mit ihrem nicht-heterosexuellen Begehren umgehen, dazu eine Dunkelziffer, die sich auch in anonymen Umfragen nicht traut, ehrlich zu sein. Wie groß dieser Personenkreis ist, wage ich nicht zu beziffern. Faszinierenderweise werden all diese Leute in der Mainstreamfiktion kaum erwähnt, wenn mensch von den schwulen besten Freunden mancher Chick-Lit-Protagonistinnen absieht – zumindest in jener Frauen*literatur, die ich gelesen habe, bevor mir die Suche nach Dem Richtigen (TM) auf den sprichwörtlichen Keks ging. Explizit nicht-heterosexuelle Personen in der phantastischen Literatur, die es in die Buchhandlungen schafft, muss mensch mit der Lupe suchen, und findet dann meist Erwähnungen am Rande. Damit blendet ein großer Teil der Unterhaltungsindustrie einen signifikanten Teil der menschlichen Realität aus, weil das so bequemer ist. Oder weil die Entscheider_innen glauben, (dass ihr Publikum glaubt ?), dass schwule Männer nicht Arsch treten können, Asexuelle langweilig, aber Bisexuelle nur für Beziehungsdrama gut sind, und Lesben nur existieren, um heterosexuelle Männer anzuturnen. Oder so. Je öfter mensch etwas sieht, als desto normaler wird es wahrgenommen. Was nicht vorkommt, existiert nicht, oder erhält die Botschaft, dass es nicht existieren darf, und bitteschön keinen öffentlichen Raum einnehmen soll. Das ist für den Gemütszustand aller solcherart an den Rand gedrängten Menschen nicht gerade förderlich.

Ich habe „warum Gay Fantasy?“ auch schon von queerem Volk gehört, aber das hatte dann einen anderen Subtext. Der lautete nämlich ungefähr: „Ehrlich jetzt? Die einzigen Leute, die sich für uns interessieren, sind üblicherweise wir.“ Abgesehen davon: In deutschen Krimis krepieren vermutlich pro Quartal mehr Menschen, als in Deutschland in einem Jahr ermordet werden. Jede_r Thrillerautor_in darf sich in das Hirn seiner_ihrer Serienkiller_innen hineindenken. Ist das normal? Trotzdem ist das Schreiben von Krimis und Thrillern in der Öffentlichkeit besser angesehen als das Schreiben von schwulen Liebesgeschichten.

Nachdem ich also einige Male Verteidigungsreden führen musste, bin ich zu dem Schluss gelangt, dass die Frage nach dem Warum vor allem viel über die Person aussagt, die fragt. Es ist eine Aussage über das, was die betreffende Person für normal hält, und wie hilflos sie alternativen Lebensentwürfen gegenübersteht. Und das ist, wenn mensch genau zuhört, manchmal schon sehr hilflos, und wird von einem Wortschwall von, „ich kenne ja auch ein paar, ich hab nichts gegen solche Leute, hast du Verbindungen zur Szene oder ein persönliches Interesse“ etc. pp. begleitet. Wie oft fragt wer Krimiautor_inn_en, ob sie Verbindungen zur Serienkillerszene haben?

Insofern ist die richtige Antwort auf „Warum ausgerechnet Gay Fantasy?“ keine seitenlange Erklärung über meine Sozialisation mit Fanfiction, einen Blogpost von carmarthen und eine Analyse von Machtverhältnissen in Liebesbeziehungen. Nein, die richtige Antwort ist eine Gegenfrage:

„Warum denn nicht?“

Carmilla DeWinter schreibt Fantasy mit einem Hang zu queeren Figuren, sowie Blogtexte über den Versuch, feministisch und phantastisch gleichzeitig zu sein: http://carmilladewinter.com